Arbeit und Weiterbildung als Investition in Menschen und ihre Zukunft

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Arbeit und Weiterbildung

Im Aargau kommt am 12. Februar 2017 die Initiative Arbeit und Weiterbildung zur Abstimmung. Sie fordert ein kantonales Arbeitslosenhilfegesetz. Damit soll durch gezielte Weiterbildung Arbeitslosigkeit präventiv verhindert und die Integration von Menschen in den Arbeitsmarkt gefördert werden. Der Kanton Aargau investiert also in Chancen. https://auw2017.ch/initiative/

Am 11. Juni 2012 reichte der Aargauische Gewerkschaftsbund die Initiative Arbeit und Weiterbildung mit rund 3'300 Unterschriften ein - nach rund vier Monaten Sammelfrist.

Zunahme der Aussteuerungen aus der Arbeitslosenversicherung

Dies geschah als die Finanzkrise ihre Auswirkungen zeigte. Die Anzahl der Aussteuerungen stieg damals von 100 auf 200 Personen pro Monat an - dies unabhängig vom einmaligen Effekt der AVIG-Revision. Die Anzahl Aussteuerungen ist heute, fast vier Jahre später, nicht gesunken, sondern hat im Juni 2016 mit 300 Personen einen neuen Spitzenwert erreicht.

Die Initiative „Arbeit und Weiterbildung“ schlägt ein neues Gesetz betreffend einer kantonalen Arbeitslosenhilfe (Arbeitslosenhilfegesetz / ALHG) vor. Damit soll die Integration von voll- oder teilleistungsfähigen Personen im Arbeitsmarkt gefördert und den Verbleib von Personen im Arbeitsmarkt präventiv durch gezielte Fördermassnahmen angegangen werden.

Die Initiative will:
- Präventivmassnahmen für Personen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind,
- Beschäftigungsprogramme mit Aus- und Weiterbildungsanteil,
- Arbeitsplätze für teilleistungsfähige Personen,
- Taggelder während der Rahmenfrist für Personen die von der ALV ausgesteuert sind.

Die Initiative wurde 2012 sistiert. Und zwar im Hinblick auf allfällige von der Regierung vorgeschlagene Massnahmen der Sozialplanung. Die Gewerkschaften haben immer wieder an den Regierungsrat und an den Grossen Rat appelliert, die Strategie der Erwerbsintegration in der Sozialplanung mit zusätzlichen Massnahmen zu stützen. Da dies nicht geschehen ist, haben die Initianten am 22. Oktober 2015 entschieden, den Regierungsrat um die Aufhebung der Sistierung zu ersuchen. Die Anliegen der Initiativen erhielten zwischenzeitlich durch die Frankenstärke neue Dringlichkeit.

Sozialhilfekosten senken

Die Initiative Arbeit und Weiterbildung verlangt insbesondere die Unterstützung von Aus- und Weiterbildungen um einen Stellenverlust präventiv zu verhindern. Von dieser Aus- und Weiterbildungsoffensive profitieren nicht nur die Betroffenen und die Wirtschaft, sondern insbesondere auch die Allgemeinheit und die Staatsfinanzen. Die Gemeinden werden genauso entlastet wie die betroffenen Arbeitnehmenden: Die Sozialhilfekosten sinken und die wiederintegrierten oder umgeschulten Arbeitnehmenden bleiben Teil der Erwerbs-Gesellschaft, zahlen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge.

Investitionen in die Aus- und Weiterbildung lohnen sich sowohl für die Betroffenen als auch für den Staat. Das zeigen die drei auf den Aargau zugeschnittene Modellfälle, welche die Berner Fachhochschule (BFH-Zentrum Soziale Sicherheit) im Auftrag der Initianten berechnet hat. 

Katja, 25 Jahre alt, alleinerziehend: Sozialfall?

Katja ist 25 Jahre alt und alleinerziehende Mutter einer sechsjährigen Tochter. Ihre Ausbildung zur Coiffeuse hat sie mit 18 Jahren im zweiten Lehrjahr wegen der Schwangerschaft abgebrochen. Jetzt ist die Tochter im Kindergarten, wird zusätzlich von der Grossmutter und einer Tagesmutter betreut und Katja kann zu 60% im Detailhandel arbeiten.

Ohne Berufsausbildung, findet Katja aber weiterhin nur einen unqualifizierten Job auf Stundenlohnbasis mit einem stark schwankenden Pensum. Katja verdient so lediglich zwischen 2’100.- und 3’000.- Franken pro Monat und ist weiterhin auf Sozialhilfe angewiesen. Ihre Arbeit gefällt Katja sehr, trotzdem plagen die junge Mutter die Mehrfachbelastung und die finanziellen Sorgen. Oft fragt sie sich ob sie jemals ganz für sich selber sorgen kann?

Mit einem Ja zur Initiative Arbeit und Weiterbildung wird aber folgendes möglich:

Katja könnte mit der abgeschlossenen obligatorischen Schulzeit und ihrer Berufserfahrung als Ungelernte eine verkürzte Berufslehre als Detailhandelsfachfrau absolvieren. Dies bedingt aber ein Vollzeitpensum und verursacht Mehrkosten während der Lehrdauer. Weil diese Kosten durch die Arbeitslosenhilfe getragen werden, kann Katja die Lehre nachholen, obwohl sie über keinerlei Erspartes verfügt.

Nach erfolgreichem Abschluss der Lehre ist es für Katja das erste Mal im Erwachsenenleben möglich ohne Sozialhilfe ihr Leben zu meistern.

Zahlenbeispiel: https://auw2017.ch/2016/12/09/katja/

Urs, 50 Jahre alt, Drucker: Ausgesteuert?

Urs ist 50 Jahre alt und arbeitet seit 22 Jahren als gelernter Drucker in einem 4-Mannbetrieb. Schon länger zeichnet sich ab, dass die Druckerei schliessen muss. Durch den technologischen Wandel gibt es kaum noch Stellen, für die er sich als Drucker bewerben könnte. Ausserdem war es im Kleinbetrieb nicht üblich, dass die Angestellten Weiterbildungen besuchen können.

Als Urs die Stelle verliert, findet er trotz intensiven Bemühungen keine neue Arbeitsstelle. Seit 14 Monaten wird er nun von der Arbeitslosenversicherung unterstützt und die Absagen und das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden, machen ihm zu schaffen. Wie soll es nach der drohenden Aussteuerung weitergehen? Seine Ersparnisse reichen nicht um ohne Einkommen bis zur Pensionierung leben zu können.

Mit einem Ja zur Initiative Arbeit und Weiterbildung wird aber folgendes möglich:

Als sich abzeichnet, dass die Druckerei früher oder später schliessen wird, sprechen sich Urs und sein Arbeitgeber ab und Urs beginnt sich eine neue Stelle zu suchen. Schliesslich findet er eine Stelle als Polygraph, bei der er zum gleichen Lohn eingestellt werden kann, wenn er bis zum Stellenantritt Kenntnisse über spezifische Grafik-Programme vorweisen kann und ausserdem ein Einarbeitungszuschuss gewährt wird.

Urs kann so mit seinen 50 Jahren problemlos vom alten zum neuen Arbeitgeber wechseln. Er kann dort bis zum Pensionsalter bleiben und wird mit seiner Rente auch im Alter auskommen.

Zahlenbeispiel: https://auw2017.ch/2016/12/09/urs/

Luca, 38 Jahre alt, Familienvater: Arbeitslos?

Luca ist 38 Jahre alt und arbeitet seit 20 Jahren in verschiedenen Betrieben als ungelernter Metallbauer und Maschinenmechaniker. Er ist verheiratet mit Sibylle und die beiden haben eine Kind, welches tagsüber von der Mutter betreut wird. Abends arbeitet seine Frau und trägt so zum Einkommen bei. Die kleine Familie erwartet in vier Monaten Zuwachs; Sybille ist schwanger.

Sybille wird mit dem zweiten Kind abends weniger arbeiten können und Lucas Stelle bei einem Zulieferbetrieb in der Automobilindustrie ist durch den Preisdruck stark gefährdet. Seine Aussichten auf eine neue Stelle in der Schweiz sind schlecht. Stellen für Ungelernte gibt es lediglich im benachbarten Ausland, was ist mit einem weiten Arbeitsweg und somit weniger Zeit für die Familie verbunden wäre. Trotz aller Freude über den Nachwuchs macht sich die Familie grosse Sorgen.

Mit einem Ja zur Initiative Arbeit und Weiterbildung wird aber folgendes möglich:

Luca möchte schon lange seine mit viel Berufserfahrung angeeigneten Fähigkeiten validieren und so einen Ausbildungsabschluss erreichen. Dazu muss er aber einen erheblichen zeitlichen Aufwand betreiben, was nur mit einer Pensumreduktion von 10% bei seinem jetzigen Arbeitgeber möglich ist. Die Arbeitslosenhilfe übernimmt die Kosten für den Lohnausfall und Luca kann die Kurse besuchen.

Luca schliesst das Validierungsverfahren als Produktionsmechaniker EFZ ab und findet so problemlos eine neue Stelle, als sein Betrieb die Produktion umstellt.

Zahlenbeispiel: https://auw2017.ch/2016/12/09/luca/

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Quelle:
Initiative Arbeit und Weiterbildung,

https://auw2017.ch/initiative/

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