Arbeiterhilfswerk (SAH), sozialer Frieden und Integration

Paul Ignaz Vogel

Sozialer Frieden und Integration

Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) feiert 2016 sein achtzigjähriges Bestehen. Dazu hat es Jugendliche eingeladen, Projekte für ihre Integration in die Gesellschaft zu entwerfen. Die sechs besten Ideen wurden prämiert, eine davon soll ausgeführt werden. Das SAH-Jubiläum gibt auch Anlass, Hintergründe, Entstehungsgeschichte und die heutige Situation im grossen Joint-Venture zwischen Gewerkschaften und Sozialdemokratie in der Schweiz besser zu verstehen.

Am 28. November 2016 fand in Bern die Preisverleihung für den SAH-Ideenwettbewerb für Jugendliche und ihre integrative Zukunft statt. Das ArbeiterInnenhilfswerk bleibt auf einer soliden Basis gestellt, wenn es sich der Jugend öffnet. Andererseits ist Zukunft ohne Erinnerung an die Vergangenheit nicht denkbar. Der Präsident des SAH-Netzwerkes, SP-Nationalrat Jean Christophe  Schwaab aus der Waadt eröffnete das Event. Für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) sprach Daniel Lampart und für die SP Schweiz  Leyla Gül.

In konfliktueller Zeit gegründet

Zum 80. Jubiläum des SAH stellte Kim Schweri, Nationale Sekretärin des SAH-Netzwerkes die Frage, ob jemand anwesend sei, der jene bewegte Zeit der Gründung des SAH anno 1936 noch miterlebt hatte. Da ich nur drei Jahre nach der SAH-Gründung geboren wurde, sind mir die Zeitumstände von damals  verständlicher als dies für Jugendliche von heute der Fall sein mag. Schon in der Inszenierung der 80-Jahre-SAH-Feier in Bern verbergen sich nämlich interessante Hinweise und indirekte Bekenntnisse zur Geschichte und zur gesellschaftspolitischen Haltung des Schweizerischen Arbeiterhilfswerkes.

An der Feier in Bern wurde auch an die Frühzeit des SAH erinnert. 1936 hatten der Schweizerische Gewerkschaftsbund und die Sozialdemokratische Partei der Schweiz das Schweizerische Arbeiterhilfswerk gegründet. Es wurde in der Frühzeit von der Frauenrechtlerin und SAH-Mitbegründerin Regina Kägi-Fuchsmann geleitet. Ziel war es, bedürftige ArbeiterInnenfamilien im In- und Ausland zu unterstützen und humanitäre Hilfe im Spanischen Bürgerkrieg zu leisten.

Ein kleiner geschichtlicher Rückblick drängt sich zum besseren Verständnis auf: Das SAH ist somit auch ein Kind der sozialdemokratisch-politischen ArbeiterInnenbewegung in der Schweiz. 1919 hatte Lenin in Moskau die Dritte Kommunistische Internationale (Komintern genannt) gegründet. Der Basler Parteitag der Schweizer SozialdemokratInnen (SPS) wollte noch in jenem Jahr der  internationalen Organisation beitreten. Doch eine Urabstimmung bei den Parteimitgliedern verhinderte dies. Der von Lenin und später von Stalin in Moskau diktierte Internationalismus stand fortan im zunehmenden Widerspruch zur demokratisch gesinnten Linken, zur Sozialdemokratie.

Sozialer Frieden statt Klassenkampf

Weg von der Diktatur des Proletariats: Statt Klassenkampf mit ewigen Streiks und dem Umsturz der demokratischen, verfassungsmässigen und rechtsstaatlichen Ordnung (für Kommunisten: „Bürgerlicher Staat“) sollte eine soziale Marktwirtschaft mit den späteren Gesamtarbeitsverträgen aufgebaut werden. Demokratischer Staat und Gesellschaft ergänzen sich.

Ein Jahr nach der Gründung des SAH zementierte das Friedensabkommen des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeitnehmer-Verbands (SMUV) mit den Unternehmern vom 19. Juli 1937 die Abgrenzung von den klassenkämpferischen Kommunisten aus der Komintern. Mit diesem Konzept entstand der soziale Friede, der unserem Land durch gesicherte Produktivität Wohlstand bis heute verlieh. Das Erfolgsmodell der Schweizer Wirtschaft beruht somit auf der Sozialverträglichkeit von materieller und immaterieller Wertschöpfung. 

Die Gesamtarbeitsverträge (GAV) dürfen als wirksamstes Wirtschaftsmodell der demokratischen Linken in der Schweiz gelten. Solche GAV werden nicht geschenkt, sondern müssen von der gewerkschaftlich organisierten ArbeitnehmerInnenschaft mühsamst von der anderen SozialpartnerIn (ArbeitgeberInnenschaft) erkämpft werden. Nach Auslaufen einer befristeten Vereinbarungen zur Friedenspflicht (während der Dauer eines GAV darf nicht gestreikt werden) gilt es, mit gewaltlosem Druck und geschickter Verhandlungsführung zu einer neuen Einigung zu gelangen.

Kommt eine Einigung zustande, wird ein Gesamtarbeitsvertrag vom Bundesrat allgemein verbindlich erklärt. Die Eidgenossenschaft ist mit ihrer Garantie des sozialen Friedens die Dritte im Bunde der SozialpartnerInnenschaft.  Hier einige aktuelle Beispiele:

https://www.seco.admin.ch/seco/de/home/Arbeit/Personenfreizugigkeit_Arbeitsbeziehungen/Gesamtarbeitsvertraege_Normalarbeitsvertraege/Gesamtarbeitsvertraege_Bund/Allgemeinverbindlich_erklaerte_Gesamtarbeitsvertraege.html

SAH-Jury als gesellschaftspolitisches Spiegelbild von heute

Wenden wir uns dem heutigen SAH als Joint-Venture von Gewerkschaften und Sozialdemokratie zu: Für die Auswahl und Prämierung der Eingaben im Ideenwettbewerb zum 80-Jahre-SAH-Jubiläum wurde eine siebenköpfige Jury eingesetzt. Interessant ist deren Zusammensetzung. Repräsentativ für die gesellschaftspolitische Verortung des SAH von heute erscheinen folgende Personen:

● Vania Alleva, Präsidentin der Unia. Diese Gewerkschaft ist durch die Fusion der GBI (Gewerkschaft Bau und Industrie), des VHTL (Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel ) und des  Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeitnehmer-Verbands (SMUV) entstanden. Jener Organisation also, welche 1937 das Friedensabkommen abgeschlossen hatte.

● Valentin Vogt, Präsident Schweizerischer Arbeitgeberverband.

● Oliver Schärli, Leiter des Bereichs Arbeitsmarkt/Arbeitslosenversicherung in der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) des Eidgenössischen Departementes für Wirtschaft, Bildung und Forschung.

Ideenwettbewerb für Jugendliche

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Valentin Vogt (Präsident Schweizerischer Arbeitgeberverband), SAH-Jurymitglied  mit den Theater-Projektträgern "Anders und doch gleich" (1. Preis).

Im Ideenwettbewerb wurden von 40 Bewerbungen die besten sechs innovativen Projekte zur beruflichen und gesellschaftlichen Integration von Jugendlichen ausgezeichnet. Den ersten Platz erhälft das BFF-Theaterprojekt aus Bern "Anders und doch gleich". Junge MigrantInnen spielen gemeinsam mit SchweizerInnen in einer Komödie über kulturelle Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Vorurteile. Im Campo Giramando aus Lugano begegnen sich Kinder und Jugendliche im Alter von 13-17 Jahren. Sprachfähigkeit soll mit dem Brückenangebot erworben werden. Im Speed-Working-Job aus Delémont setzen sich Jugendliche mit dem Problem der Arbeitslosigkeit auseinander. Das Wohnheim Rain im bernischen Täuffelen hat eine eigene Zeitung gestaltet (Schau rain). Mit Intergrazio ertastet die Pfadfinder-Brigade Vieux-Mazel Möglichkeiten, mit den Methoden ihrer Jugendarbeit Integration zu fördern. Und mit Youtube wollen Jugendliche aus dem Bildungszentrum KV in Reinach BL neue Wege finden, ohne ausgezeichnete Sprachkenntnisse dennoch eine gute Bewerbungsunterlage für eine Arbeitsstelle zu kreieren.

Der SAH-Ideenwettbewerb ergab am 28. November 2016 folgende Prämierungen:

1) Theaterprojekt: anders und doch gleich: BFF Bern, BVS (BPI) 5
2) Campo Giramondo: Studente Supsi DEASS Lavoro Sociale
3) Speed Working-Job Dating: Gruppe von fünf Jugendlichen aus Delémont
4) Schau rain: UMA Wohnheim Täuffelen
5) Integrazio: Association de la Brigade scoute du Vieux-Mazel
6) Dank youtube auf dem Weg zur Arbeitsstelle: Bildungszentrum kvBL Reinach

Siehe auch:

http://www.sah-schweiz.ch/Ideenwettbewerb

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