Ausgebeutet, bestohlen, ausgewiesen

Oswald Sigg

Reportage zur sozialen Lage in der Pariser Banlieue

Oswald Sigg wohnte im Herbst 2015 in Saint-Ouen im Département Seine-Saint-Denis. Im Februar und August 2016 war er wieder vor Ort, um seine in loser Folge hier erscheinende Reportage zur sozialen Lage in der Pariser Banlieue zu aktualisieren.

Heute wirft der Autor einen Blick auf die malische Diaspora. Er zeigt, wie die ehemalige Kolonialmacht die Gegenwart des afrikanischen Landes immer noch beeinflusst. Und: wir lernen einen Malier kennen, der sich vervielfachen kann, wenn die Situation es erfordert.

Ausgebeutet, bestohlen, ausgewiesen

Viele Afrikaner, die in Paris arbeiten, kommen aus Mali. Gegen 10’000 Malier und Malierinnen wohnen allein in Montreuil, weswegen die Stadt im Osten von Paris den Übernamen «Bamako-sur-Seine» mit einem fast offiziellen Stolz trägt. Der grüne Bürgermeister, Patrice Bessac, und seine Adjunktin für wirtschaftliche Entwicklung, Djeneba Keïta, sind des Lobes voll über die Malier. An einem Empfang zu ihren Ehren in der 1935 in sowjetischem Stil erbauten Mairie, schwärmt die Adjunktin: «Sie sind hier Zuhause, sie gehören zu uns und gleichzeitig engagieren sie sich für die Entwicklung von Mali. Sie arbeiten hier und bauen dort unten.» Und ihr Chef bestätigt: «Bei meinem kürzlichen Besuch in Kayes (im Westen Malis) habe ich gesehen, was Sie dort unten leisten. Wir sind stolz auf Sie!» Das war im November 2015 und das Magazin «Jeune Afrique» berichtet darüber, um was sich die Gespräche innerhalb der malischen Gemeinschaft bei diesem Anlass drehten. Manche erzählen von ihren Bauprojekten im heimatlichen Mali. So symbolisieren diese - manchmal nur in Jahrzehnten entstehenden - Häuser in den Augen der Photographin Anissa Michalon sowohl persönliche Erfolge wie auch unbeschreibliche Opfer und Entbehrungen. Für viele sind diese Bauten die Verwirklichung ihrer Lebensziele, sagt Anissa. Besonders die wachsende Unsicherheit im Norden Malis gibt zu reden. Obschon dort die französische Armee gegen die Rebellen operiert, sind nicht allein die Fortschritte auf den von Montreuil aus mitfinanzierten Baustellen für Wohnhäuser gefährdet. Mehr noch: das im Grossraum Paris erarbeitete und via Western Union nach Keynes geschickte Geld erreicht längst nicht mehr in jedem Fall seine legitimen Empfänger. Die unsichere Lage im Norden bringt auch vermehrt kriminelle Machenschaften mit sich. Das mühsam erarbeitete und für die Heimat bestimmte Geld wird entweder mit gefälschten Papieren einkassiert oder es kommt auf der 400 Kilometer langen Route Bamako-Kayes durch Strassenräuber abhanden. Auch dies jedenfalls berichtet die gut informierte Mitarbeiterin des Bürgermeisters von Montreuil dem Journalisten François-Xavier Freland.

Das Zentrum von Bamako-sur-Seine

Viele Malier, die in Paris arbeiten, wohnen im Foyer Bara im Zentrum von Montreuil, nahe der Metrostation Robespierre. Zuerst ein Augenschein an der Rue de Hayeps, nur etwa 300 Meter vom berühmten Foyer Bara entfernt. Hier wurde gemäss dem ‹Parisien› am 15. März 2016 eine erste «résidence sociale»  als teilweiser Ersatz für das Foyer Bara eingeweiht. Von aussen ist die neue Unterkunft leicht erkennbar in diesem zwar etwas schäbigen, aber doch kleinbürgerlichen Quartier. Sie fällt auf durch eine hölzerne Fassade, die sich architektonisch gut ins Bild der kleinen, menschenleeren Strasse einfügt. Ein hoher, weiss gestrichener Eisenzaun umgibt den Zugang. Das Tor ist mehrfach verriegelt. Der Zutritt erfolgt über die links angebrachte Video-Türsprechanlage. Auf dem grossen Schild rechts vom Eingang prangt das Logo der Bauherrin: COALLIA. Eine Institution, entstanden aus der von Stéphane Hessel 1962 gegründeten «Association pour la Formation des Travailleurs Africains et Malgaches», die heute etwa 25’000 Betten für Migranten und Migrantinnen in ganz Frankreich bewirtschaftet. Auch auf dem grossen Türschild des Staatsunternehmens COALLIA wird das Logo vom Slogan «pour l'insertion - vers l'autonomie» geschmückt. Etwas frei übersetzt: Durch Unterordnung zur Freiheit.     

Wenige Schritte weiter, um zwei Hausecken herum, steht ein grosser vierstöckiger Wohnblock  - eine ehemalige Pianofabrik - mit schmuddelig gelb-bräunlichen Hausmauern. Viele Fenster stehen offen, Kleider und Tücher und Stoffe hängen zum Trocknen über die Simse. Daraus hallen Töne, Stimmen, Musik, Lärm und Lieder. Wunderbar exotische Gerüche aus der Küche umgeben den heute äusserst belebten Eingang und wohl auch den Innenhof. Dort soll normalerweise ein veritabler Markt stattfinden, ursprünglich für ältere Insassen bestimmt, die Mühe haben, den Supermarkt oder den Tabac zu erreichen. Aber im Innenhof, wo täglich Milchflaschen, Shampoo, Zigaretten, Körner und Kerne, Erdnüsse und Batterien, Bücher und DVD verkauft werden, da sind sie alle zu finden, die hier leben. Und in einem Nebenraum soll auch täglich gebetet werden. Heute ist der Ort mit Mobiliar überstellt. Der Umzug an die Rue de Hayeps ist im vollen Gang. Zwei Autos und ein Lieferwagen werden beladen. Von der anderen Seite nähert sich leise ein Sanitätswagen mit Blaulicht. Einige Männer, alles Hausbewohner, stehen und sitzen gegenüber dem Eingang und schauen dem Treiben zu. Einer gibt bereitwillig Auskunft. Ja, sie freuten sich auf den neuen Ort. Es werde sicher für jeden mehr Platz vorhanden sein. Hier wohnten sie zu sechst in einem Zimmer, dort werden sie vermutlich zu zweit sein - und übereinander, im Stapelbett, wie er betont. Skeptisch ist er hinsichtlich der Verpflegung in der Rue de Hayeps. Vorschriftsgemäss müsste dort jeder selber und individuell kochen können. Während hier im Foyer Bara zwei Dutzend farbig gewandete Frauen Tag und Nacht für das Wohl der über 400 registrierten - und vermutlich noch einmal sovielen klandestinen -  Bewohnerinnen und Bewohner in einer improvisierten Betriebskantine sorgen, die für ihre Qualitäten weitherum berühmt ist. Zum Glück, fügt der Bewohner lächelnd bei, werde der Umzug noch eine geraume Zeit dauern. Das malische Biotop genannt Foyer Bara ist eine muntere alternative Gesellschaft mit paralleler Ökonomie. Nur: damit ist es jetzt von Amtes wegen bald vorbei. Das ehemalige Fabrikgebäude an der Rue Bara gilt seit 20 Jahren als gesundheitsschädigend. Seine Bewohner werden nach und nach in zwei neue «soziale Residenzen» verlegt. Dabei trennen das COALLIA-Management schon heute vorsorglich die langjährigen von den papierlosen Bara-Insassen. Letztere sind teilweise von der Polizei bereits wegbefördert bzw. ausgeschafft worden, wogegen das ganze Foyer lauthals vor dem COALLIA-Geschäftssitz protestiert hatte.

Mali in Frankreich und umgekehrt

Mali ist in Frankreich diplomatisch und konsularisch, aber auch zivilgesellschaftlich vertreten. Letzteres durch den von Hamedy Diarra präsidierten Hohen Rat der Malier in Frankreich (Haut Conseil des Maliens de France HCMF). Er vertritt gemäss eigenen Angaben 350 verschiedene Vereine und vermittelt und fördert die soziokulturelle Kohäsion in den Familien, in den Quartieren und unterstützt die Verbindungen zur französischen Gesellschaft und zur Regierung. Der HCMF berät die Malier in Frankreich bezüglich der Bürgerrechte und -pflichten, in administrativen Angelegenheiten, hinsichtlich gesundheitlicher Prävention und Zugang zu öffentlichen Spitälern, sowie in kulturellen Belangen. Der Hohe Rat vertritt zudem die Interessen der malischen Migranten gegenüber den französischen Behörden bis hinauf zu Präsident François Hollande. Soweit die offizielle Seite.

Aktuell liest man in der Presse über mafiöse Zustände in der Führung der malischen Emigrantenorganisation. Die vorletzte Schlagzeile über den HCMF lautet: «Der Präsident des HCMF der Unterschlagung von über 100’000 Euros angeklagt.» Und die letzte: «Hamedy Diarra: Ich habe kein Geld unterschlagen und ich bleibe der Präsident des HCMF.»

Ohne Frankreich wäre Mali kaum denkbar. So zählt man allein drei französische Schulen und das Institut français du Mali in Bamako. Dann ist die Französische Entwicklungsagentur zuständig für die Reduktion von sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten, ausgeglichene Bodennutzung, Wirtschaftswachstum, Verbesserung von Qualität und Zugang zur Grundversorgung. Das Französische Institut für Forschung und Entwicklung besorgt die Bereiche Umwelt und natürliche Ressourcen, Volksgesundheit, Urbanisation, Mobilität, Arbeitsmarkt, Migration sowie human- und sozialwissenschaftliche Forschungsprogramme. Der Campus France ist für die Hochschulförderung verantwortlich, es gibt ein Französisches Amt für Immigration und Integration und es gibt ein Französisches Centre médico-social, das sich der Gesundheit der Expats, jener des diplomatischen und des einheimischen Personals der Botschaft sowie der französischen Touristen in Mali annimmt.

Zudem ist Frankreich mit einem Investoren-Club und einer Art Handelskammer in Mali präsent und aktiv.
 

Ein Blitzkrieg mit Folgen

Die weitaus stärkste Rolle aber spielt seit 2014 die französische Armee. Mit dem Militärputsch vom März 2012 gingen verhältnismässig ruhige 20 Jahre für Mali abrupt zu Ende. Die Militärs stürzten den Präsidenten Amadou Tumani Touré. Er sei unfähig, dem Treiben der Tuareg-Rebellen im Norden Einhalt zu gebieten. Die Regierung wurde verhaftet, die Verfassung Malis ausser Kraft gesetzt sowie die Grenzen und der internationale Flughafen Bamako geschlossen. Am 6. April 2012 erklärten die rebellierenden Tuareg den Norden Malis als befreit und riefen den unabhängigen Staat Azawad bestehend aus den Regionen Kidal, Gao und Timbuktu aus.

Am 11. Januar 2013 erklärte der Französische Präsident François Hollande, Frankreich werde in Mali im Einvernehmen mit dessen Regierung, militärisch intervenieren. Es war der Auftakt zur multinationalen Operation Serval, die seither versucht, die malische Regierungsarmee zu rekonstituieren, damit die neue Regierung die Kontrolle über den Norden des Landes wiedergewinnt. Dies geschieht im Auftrag der Resolution 2085 des UN-Sicherheitsrats und sie verbindet zu diesem Zweck die Malischen Streitkräfte mit Teilen der Armeen von Frankreich (4’600 Soldaten), Tschad (2’400), Nigeria (1’700), Togo (500), Burkina Faso (500), Sénégal (406) Benin (650), Guinea (500), Ghana (120) und Elfenbeinküste (500). Auf der anderen Seite kämpfen die MNLA (Tuareg), AQMI (al-Qaida Maghreb), MUJAO (Bewegung für Einheit und Djihad in Westafrika) sowie eine Gruppe bewaffneter djihadistischer Salafisten, die Boko Haram und die Polisario Front.

Inzwischen ist auch die Deutsche Bundeswehr mit mehreren hundert Soldaten hinzugekommen, um der Armée française und den Kriegführenden auf ihrer Seite zu helfen, «den Norden des Landes von teils islamistischen Rebellen zurückzuerobern», wie die ‹Süddeutsche Zeitung› am 2. Mai 2016 schreibt. Mali gelte «als der gefährlichste Auslandeinsatz weltweit.» Was im Februar 2013 mit einem «Blitzkrieg» (NZZ) begann, scheint von Dauer zu sein.

Adama

Kehren wir zurück nach Frankreich. Dort herrscht ebenfalls Krieg - als das kann man den nach dem Anschlag in Nizza vom 14. Juli 2016 verlängerten Ausnahmezustand betrachten. Einige Tage später in Beaumont-sur-Oise, 45 Kilometer nordöstlich von Paris gelegen. Gemäss einem ausführlichen, auf Polizeiprotokollen beruhenden Bericht der Zeitung «Libération» ist der aus einer malischen Familie stammende 24-jährige Adama Traoré mit seinem Bruder Bagui unterwegs. Als die beiden zwei Polizisten in Zivil aus einem Polizeiauto steigen sehen, ergreift Adama die Flucht, weil er keine Papiere auf sich trägt. In einer nahen Parkanlage überwältigt ihn der eine mithilfe von zwei weiteren Polizisten und man legt ihm Handschellen an. Adama klagt über Atembeschwerden. Einige seiner Freunde sind in den Park geeilt, protestieren lauthals und verwickeln die drei Hüter des Gesetzes in eine Diskussion. Adama flüchtet dabei erneut, dieses Mal in die kleine Wohnung eines Kollegen, ganz in der Nähe. Unterdessen wird er per Polizeifunk gesucht als ein «…muskulöser Mann, Typus Afrikaner, der gegenüber Polizisten gewalttätig wurde…». Kurze Zeit später, er liegt in seinem Versteck am Boden, überwältigen ihn die Polizisten wieder. Aber es geschieht mit äusserster Brutalität. Seine Atmung setzt aus. Der herbeigerufene Notarzt kann eine Stunde später nur noch seinen Tod feststellen.

Einige Tage später. Die Polizeipräfektur von Paris verhindert eine Protest-Kundgebung - sich auf den Ausnahmezustand berufend - «zum Schutz der Institutionen, zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung sowie zum Schutz der Manifestanten.» Die Internet-Zeitung «Mediapart» kommentiert: «Tatsächlich, diese staatlich verursachte Unordnung bedroht zutiefst die Legitimität unserer Institutionen. Das Misstrauen ihnen gegenüber wächst in der ganzen Gesellschaft. Künftig wird man nur noch im ironischem Sinn vom ‹Land der Menschenrechte› sprechen können.»

Adama wurde am 8. August 2016 auf einem Friedhof von Bamako beigesetzt.

Der nachfolgend zu Wort kommende Malier wohnt vermutlich nicht in Bamako-sur-Seine, er ist auch mit Sicherheit kein Mitglied des HCMF oder ein sonstiger Würdenträger.  Er ist arbeitslos, ein Kriegsvertriebener, ein armer Schlucker. Ich habe ihn zufällig getroffen.

Magassa

Heute, am 22. September 2015, um zwei Uhr nachmittags, haben wir vor der linksseitigen Pforte der Kirche Notre-Dame de Clignancourt im 18. Arrondissement, am nördlichen Rand von Paris gelegen, das Treffen vereinbart. Vor vier Tagen lehnte er - ein mürrisch blickender Mann mittleren Alters aus Mali - am Gittertor der Kirche und hielt den vorbei Eilenden wortlos seine rechte Hand entgegen. Meiner Einladung zu einem gelegentlichen Gespräch begegnete er zunächst mit Vorsicht. 

Was bekomme ich dafür? 

50 Euro. 

OK, aber ohne Foto. 

Mit Foto 75 Euro? Nein. 

Wie ist dein Name?

Magassa. Und Beya.

Aber jetzt steht er dort, erstaunlich. 

Du bist mein Freund, du hältst dein Wort, begrüsst er mich. Ich mache mein Velo am eisernen Zaun der Kirche fest. Wir gehen in die kleine öffentliche Anlage in der Nähe der Rue Hermel.

Und wie gehts, frage ich ihn unterwegs. 

Eine dumme Frage, antwortet er. 

Warum? 

Weil sie eine Lüge ist, sie täuscht nur Interesse vor. 

Er riecht nach Bier. 

Im Park setzen wir uns auf eine Bank. Meine kurzen Erläuterungen zum Auftrag der Redaktion, zur Publikation im Internet, zu den Hintergründen der Reportage oder auch seine Bewilligung der Ton-Aufnahme betreffend - das alles betrachtet er als Nebensächlichkeiten. Mit unwirscher Handbewegung und nach einem Schluck aus der 1664-Büchse fordert er, endlich mit den Fragen zu beginnen. Auch seine Zeit sei kostbar. 

Und: völlig anonym und ohne Bild, nicht wahr!

Er ist anfangs der 70er Jahre in Mali geboren. Die Eltern - leben sie noch? 

Nein. Der Vater ist nicht tot, er hat uns, die Familie, verlassen. 

Er hat zwei Brüder und zwei Schwestern. Ihm fehlen aber die Mittel, um sie zu unterstützen. Die Frage nach deren Leben und Arbeiten beantwortet er kurzerhand mit: 

Sie müssen essen. 

Überhaupt: er bleibt eher einsilbig, wie bei einem Verhör. Er ist jedenfalls kein Schwätzer. 

Er habe Mali vor zwei Jahren verlassen. 

Warum? 

Weil dort Kriege stattfinden, weil mein Vater nicht mehr dort ist, weil meine Mutter nicht mehr dort ist, weil dort Krieg herrscht bin ich abgehauen, abgehauen.

Krieg? Was für ein Krieg?

Wegen des Kriegs im Norden. Du als Journalist müsstest das wissen, dass im Norden von Mali seit Jahren ein Krieg im Gange ist, sagt er mit abschätziger Miene. 

Stimmt, sage ich und frage, ob er denn im Norden gelebt habe. 

Nein, in Bamako. Aber den  Krieg spürt man auch in Bamako. 

Und wer sind die Aggressoren in diesem Krieg? 

Die Tuaregs. Sie sind wie die Araber, aber es sind keine Araber, es sind auch keine Malier. Tuareg - du als Journalist müsstest das eigentlich ...  

Ja, ja, schneide ich ihm das Wort ab. 

Tuareg kann ich nur sagen, ich kanns dir nicht aufschreiben. Ich kann nicht schreiben und nicht lesen. 

Ja, sage ich, die Tuaregs gibt es auch bei uns, aber nur als Automarke. 

Also: meine Eltern sind dort geblieben und ich habe mich durchgeschlagen, ich bin abgehauen per Autobus nach Gao, dann Algerien, Marokko und von dort nach Spanien. Nicht allein. Der Car war überfüllt. 

Und wie lange hat die Reise gedauert? 

Tage und Tage, schon nur bis Algerien und Marokko.  In Spanien die befestigte Grenze. Gitter. Wenn man sie nicht bezwingt, bleibt man dort. Aber die meisten, viele, sterben auf den Schiffen und in Booten nach Italien. Aber ich habe den Landweg genommen, über Spanien nach Frankreich. 

Und jetzt lebst Du hier in Paris - und wie? 

Mmmh. 

Seit zwei Jahren? 

Mmmh. 

Und wie lebst du? 

Wie ich lebe? 

Ja, was tust du um zu leben? 

Was ich tue um zu leben? 

Ja, wir haben uns doch vor der Kirche getroffen und ...

Ich schlage mich durch.

Und das geht so?

Ja.

Hast genug zu essen?

Ich? Nein, ich habe nicht genug zu essen. Manchmal gibt es Tage ohne etwas zu essen.

Ja und gibt es jemand, der dir hilft? Die Pfarrei, die Stadt, der Sozialdienst?

Tz, tz, tz, nichts, niemals.

Also nur die Leute, die dir ...

Ja, wie du gestern oder am letzten Freitag... (er deutet die hohle Hand an).

Das ist deine Arbeit?

Ja.

Und wo verbringst du die Nächte? Wo schläfst du?

Dort, wo die andern geschlafen haben, neben der Mairie, sagt er. 

Auf dem Trottoir neben der Mairie des 18. Arrondissements lebten während etwa vier Wochen im September 2015 ungefähr 300 bis 400 Syrer, Sudanesen und Eritreer in Zwei-Personen-Zelten vom Typus QUECHUA. Das Lager wurde mit grossen Plastik-Blachen gegen Regen und Wind geschützt. Die Flüchtlinge waren von Freiwilligen der benachbarten Pfarrei Notre-Dame de Clignancourt mit Lebensmitteln und Kleidern versorgt worden. Nach Aussagen dieser Freiwilligen weigerte sich die Mairie, irgendetwas für die Flüchtlinge zu tun. Im Gegenteil: eines Morgens um 06 00 Uhr wurden in einer von der sozialistischen Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, angeordneten Evakuation die ‹wilden› Flüchtlingslager vor der Mairie du XVIIIe und am Quai d'Austerlitz mithilfe der CRS (Compagnie Républicaine de sécurité - Ordnungspolizeikorps) aufgehoben. Hunderte von Flüchtlingen wurden in feste Unterkünfte ausserhalb der Stadt überführt. Wohin man sie genau gebracht hat und wo sie sich heute befinden, weiss niemand zu sagen. Es kümmert sich aber auch kaum jemand um das Los dieser Menschen. 

Im Lager am Quai d'Austerlitz hat Magassa wohl auch gelegentlich übernachtet. Dort soll es nach dem ‹Parisien› auch vor kurzem nach Frankreich geflüchtete Malier gegeben haben, während er hier im Lager vor der Mairie wohl auf keine Landsleute traf. 

Ich komme aus Mali, aber sie sind alle der Abschaum von weiss nicht woher. 

Er sei nicht mit ihnen in eine feste Unterkunft gegangen. 

Wir sind nicht aus derselben Familie. 

Hier im Quartier hat er auch Freunde, die mit ihm dasselbe Los teilen: keine Arbeit, kein Erwerbseinkommen, keine Bleibe. Wenn ihm jemand eine Arbeit anbieten würde, könne er sofort oder wenigstens morgen früh beginnen. 

Hast du denn einen Personalausweis, ein Papier?

Ja, ich habe meine Papiere.

Als ich in den 60er Jahren eine Zeit lang in Paris war, erzähle ich ihm, hätten viele Arbeitslose nachts in den Halles gearbeitet.

Dann hast du ein Statut, eine Aufenthaltsbewilligung?

Nein. Wenn du mir eine Arbeit in Rungis hast, komme ich sofort dorthin. 

(Im riesigen Engros-Markt in Rungis - nördlich des Flughafens Paris-Orly gelegen - arbeiten über 30'000 Menschen, vorwiegend nachts.)

Aber: die Polizei, lässt sie dich in Ruhe?

Ja, ja, ja, wirklich, ehrlich, ich sage die Wahrheit: die Polizei ist ok.

Bestens. Also du willst arbeiten?

Ja!

Und was...

Nein, mein Bruder. Ich werde arbeiten, ich werde mich an die Arbeit machen. Es gibt keine anderen Worte mehr als: ich werde mich an die Arbeit machen. Wenn du arbeitest, findest du eine Wohnung, findest du alles. Jetzt ist aber Schluss, ich antworte nicht mehr. Wenn du mir eine Arbeit in Rungis hast, gib sie mir.

Findest du es richtig und gerecht, dass man arbeiten muss damit man überhaupt leben kann?

Ja, sicher! Wenn du nichts arbeitest, gewinnst du nichts. Ohne Arbeit, wie willst du etwas gewinnen, verdienen? Wie willst du Kleider und Essen kaufen?

Es gibt solche, die arbeiten nichts und haben trotzdem viel Geld ...

Einverstanden. Aber sag es mir, wenn du eine Arbeit für mich hast. Ich sage nichts mehr. Fertig. Ende.

Eine gute Viertelstunde haben wir miteinander gesprochen. Als ich ihm die versprochenen 50 Euros wohl oder übel aushändige, sagt er:

Gut, das sind 50 Euros für Magassa. Aber Beya hat damit noch nichts erhalten! 

Du bist Magassa und für dich ist das Geld.

Ja, aber ich habe dir gesagt: ich heisse Magassa und ich bin auch Beya. Und Beya hat jetzt nichts bekommen.

Wo ist denn der Beya?

Hier! Ich bin Magassa und ich bin auch Beya. Bitte schön!  

Beim Erwähnen des Namens ‹Magassa› zieht er mit dem linken Zeigefinger das linke Augenlid herunter, bei ‹Beya› das andere. Er macht dabei einen ungemütlichen Eindruck. Blitzschnell überlege ich: er ist zwar nicht bewaffnet, aber leidet vielleicht an paranoider Schizophrenie oder an etwas ähnlichem. Nach einem kleinen, unergiebigen Disput bezahle ich ihn bzw. beide schliesslich mit zwei 50 Euro-Noten. Er nimmt die leere Bierbüchse, wirft sie in einen Abfallbehälter und trollt sich grusslos von dannen.

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