Das Schweigen über Armut brechen

Cordula Bieri

Armut hat viele Gesichter. Auf der ganzen Welt zeigt sie ihr Gesicht etwas anders. Doch es gibt ein verbindendes Element: Die Armen werden von denen, die es besser haben, ausgeschlossen und beschämt. Davon erzählen die Studien, die im Rahmen des länderübergreifenden Forschungsprojektes "Shame and Poverty" entstanden sind. Dabei wurde Armut in ganz unterschiedlichen Ländern, wie Pakistan, Uganda, China, England oder Norwegen untersucht. 

Schäm dich

Auch in der Schweiz schämen sich viele Armutsbetroffene für ihre Situation. Einige verzichten aufgrund der Scham gar auf den Bezug von Sozialleistungen, auf die sie ein Recht hätten. Diese Scham kommt nicht von ungefähr. Die Hetzerei gegen Sozialhilfe- und IV-Beziehende hat eine klare Botschaft: Man solle sich schämen, ohne Arbeit auf Staatskosten zu leben. Und auch die Ämter leisten ihren Beitrag indem die Antragsstellenden jedes kleinste Detail ihres Lebens offen legen müssen. Die Wahrung der Privatsphäre wird verunmöglicht. Kontrolle, Misstrauen und angedrohte Sanktionen prägen den Alltag. 

Die laute Hetzerei in Medien und Politik steht dem Schweigen über Armut im Alltag gegenüber. Über Armut spricht man nicht. Zumindest nicht über die eigene. Zu sehr ist es schambehaftet. Aber grad das Sprechen darüber wäre wichtig.

Sich austauschen

Über zwei Jahre hinweg haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Nordirland den Zusammenhang zwischen Armut und Scham in einem armen Quartier untersucht. Mit Fokusgruppengesprächen und Interviews wurde mit den Betroffenen diskutiert. Die Resultate sind spannend: Je länger und offener sich die Teilnehmenden über Armut austauschten, desto weniger, sahen sie ihre Armut als individuelles Versagen und desto eher konnten sie die strukturellen Gründe der eigenen Armut und derer der Nachbarn erkennen. So gelang es Stück für Stück die Scham zu überwinden. Dies ist besonders wichtig, weil Scham Armutsbetroffene häufig daran hindert, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Das Schweigen zu brechen kann einen Ausweg aus der Armutsspirale bedeuten. 

Schreibend gegen das Schweigen

Die Caritas Zürich veranstaltete dieses Jahr zum vierten Mal eine Schreibwerkstatt mit Menschen am und unter dem Existenzminimum. Auch hier ist es das Ziel, dass die Teilnehmenden über ihre persönlichen Erfahrungen schreiben, sich austauschen und so neue Perspektiven auf die eigene Situation entwickeln können. Durch das Schreiben erhält man die Deutungsmacht über die eigenen Erlebnisse zurück und gewinnt an Selbstbewusstsein. Mit der Veröffentlichung der Texte, brechen sie das Schweigen und leisten einen wichtigen Beitrag, dass die Diskussion über Armut offen und ohne Scham geführt werden kann. 

Literaturhinweise:

Robert Walker (2014): The Shame of Poverty. Oxford, UK, Oxford University Press.

Elaine Chase und Grace Bantebya-Kyomuhendo (2014): Poverty and Shame. Oxford, UK, Oxford University Press.

Gabi Kent (2016): Shattering the silence: The power of Purposeful Storytelling in challenging social security policy discourse of ‘blame and shame’ in Northern Ireland. In: Critical Social Policy, 36(1), S. 124-141.

Andrea Keller und David Lätsch (2015): Schreibend die Brühe klären. BFH impuls 2/2015, Berner Fachhochschule BFH, Fachbereich Soziale Arbeit. S. 18-20.

Elena Ibello, Andrea Keller und Daniel Perrin (2015): Schreiben statt schämen – Mit Sprache aus der Enge finden. In: Monique Honegger (Hg.): Schreiben und Scham. Psychosozial-Verlag. S.147-166

Die Publikationen der Schreibwerkstatt der Caritas Zürich finden Sie auf: www.caritas-zuerich.ch/schreibwerkstatt

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