Eine Gewerkschaft für die Prekären aller Branchen und Berufe

Claudia Studer

Basels «Interprofessionelle Gewerkschaft Arbeit» zeigt, wie eine Handvoll überzeugter Leute vieles erreichen kann. Und das seit über einer Generation. Seit 1989 gibt es in Basel die «Interprofessionelle Gewerkschaft der ArbeiterInnen IGA».

Sie entstand im Umfeld der Arbeitslosen-Selbsthilfe und beschäftigt sich damals wie heute mit Themen am Rande des Arbeitsmarkts: der Temporärarbeit, der Arbeit im Zwischenverdienst, der Arbeit auf Abruf, der Arbeit in mehreren Teilzeitjobs, den Schein-Selbständigen, den prekären Selbständigen, den vom Ersparten Lebenden, den Rentengekürzten, den Sozialhilfebeziehenden, und den Sans-Papiers-ArbeiterInnen. Die wichtigste Veränderung in den vergangen 30 Jahren ist, dass der Rand immer grösser wird: die Prekarität ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Flexibilität wird überall eingefordert. Aber Arbeitsrecht und Sozialversicherungen sind immer noch darauf ausgerichtet, dass jemand ein Erwerbsleben lang an derselben Arbeitsstelle bleibt. Die IGA kämpft mit Einzelfallberatung, Sensibilisierung und Kampagnen für die Rechte der Einzelnen und mehr Solidarität unter den Prekären.

Entstehung der IGA

Ende der 80er Jahre wurde die Basler Arbeitslosen-Selbsthilfe von Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen mit vielen arbeitsrechtlichen Problemen überrannt. Das Team suchte eine Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, um das Augenmerk auf diese Arbeitsverhältnisse zu lenken.

Doch eine gemeinsame Beratungsarbeit im Gewerkschaftshaus kam nicht zustande. Der damalige Sekretär des Gewerkschaftbundes, Helmut Hubacher, meinte, es seien hauptsächlich alleinerziehende junge Frauen, junge Migranten, Asylbewerber und Ungelernte von prekären Arbeitsbedingungen betroffen. Das Ganze sei nur ein Randgruppenproblem. Deshalb müsse sich der Staat darum kümmern und nicht eine Gewerkschaft.

So suchte man weiter nach einer Gewerkschaft, welche sich dieser Themen annahm, und wurde in Genf bei der SIT (syndicat interprofessionelle des travailleuses et travailleurs) fündig. Diese Gewerkschaft empfahl und ermutigte die BaslerInnen, eine eigene Gewerkschaft zu gründen.

Im Februar 1989 kam es zur Gründungsversammlung mit ca. 60 Interessierten. Arbeitsgruppen wurden gegründet und schon bald erste Erfolge gefeiert: z.B. ein Streik von Putzfrauen gegen die Entlassung von KollegInnen, die sich für bessere Arbeitsbedingungen eingesetzt hatten, oder mehrere Prozesse vor dem Arbeitsgericht gegen McDonald von 1988 bis 1990 inklusive einem Beitrag darüber in der Rundschau.

Eine Gewerkschaft mit Besonderheiten

Eine Besonderheit der IGA ist, dass sie den Ausschluss aus der Arbeitswelt, sei es durch Arbeitslosigkeit, Unfall oder Krankheit immer in die gewerkschaftliche Arbeit einschloss. Nachdem in der Krise ab 1991 praktisch alle IGA-Mitglieder arbeitslos geworden waren, vernetzte man sich mit den Arbeitslosenkomitees in der welschen Schweiz. Später beteiligte sie sich an der Mitorganisation der europäischen Märsche gegen Armut und Ausgrenzung. Und nachdem ab 2003 viele IGA Mitglieder sich infolge angeschlagener Gesundheit und Arbeitslosigkeit bei der Sozialhilfe anmelden mussten, gelang es der IGA, mit den sogenannten «Armutstribunalen» den Betroffenen eine Stimme zu geben, bzw. die Behörden ihre Arbeit aus Sicht der Betroffenen zu erleben. Dies führte zu zahlreichen Verbesserungen im Ablauf, aber z.B. auch zu einer Anhebung des Mietzinssatzes für unterstützungsbedürftige Alleinstehende.

Eine weitere Besonderheit ist, dass in der IGA Personengruppen unter einem gemeinsamen Dach organisiert sind, die sich im Kampf um die Brosamen des Arbeitsmarkts oft als Feinde sehen – Arbeitslose und Sans-Papiers-ArbeiterInnen beispielsweise. An den Festen, welche zum IGA-Jahr gehören, kochen und feiern der Arbeitslose Ü-50-Ex-Kadermann und die Sans-Papiers-Frau, welche seit 20 Jahren «unsichtbar» in Privathaushalten putzt, gemeinsam. Durch das Mitglieder-Blatt «IGA-aktuell» lernen sie die Arbeitswelten der jeweils anderen kennen, denn die Vision der IGA ist «eine Arbeitswelt, in der Frauen und Männer, Alte und Junge, Qualifizierte wie Unqualifizierte, Leistungsstarke wie Leistungs­schwache, ungeachtet ihrer Nationalität, ihrer Kultur und ihrer sozialen Herkunft, faire Arbeitsbedingungen erhalten.»

Heute zählt die IGA etwas über 200 Mitglieder. In Ihrem Lokal an der Oetlingerstrasse 74 in Basel findet an drei Nachmittagen Einzelfallberatung statt. An den Abenden wird das Lokal von zahlreichen Arbeitsgruppen für ihre Aktivitäten gebraucht. Die IGA lebt von den Mitgliederbeiträgen und Spenden, sowie viel ehrenamtlichem Engagement. Bezahlt sind nur ein kleines Pensum für die Beratungsarbeit und die Reinigung.

Die gute Qualität der Beratung ist wahrscheinlich das entscheidende Moment, warum viele Mitglieder der IGA über lange Zeit die Treue halten. Je prekärer die Arbeitssituation, desto komplizierter wird nämlich das ganze Drumherum. Zwei Beispiele aus dem Beratungsalltag der IGA sollen daher diesen Beitrag über die Interprofessionelle Gewerkschaft der ArbeiterInnen abschliessen.

Prekär konkret – zwei Beispiele

Frau W. wurde nach jahrelanger Tätigkeit in der Reinigungsbranche schwer krank. Die Untersuchungen ergaben, dass Frau W. einen längeren Genesungsprozess durchlaufen muss. Sie ist heute immer noch in Behandlung und nicht arbeitsfähig. Die Krankentaggelder aus dem Arbeitsverhältnis waren erschöpft, die IV-Anmeldung vorgenommen. Zwischenzeitlich wird Frau W. von der Sozialhilfe unterstützt. Frau W. ist geschieden und lebt mit ihrem erwachsenen Sohn zusammen in einer Wohnung. Der Sohn hat sein Bachelorstudium abgeschlossen und ist auf Stellensuche. Er musste sich aufgrund der gesetzlichen Wartetage beim Arbeitsamt für Studierende (120 Tage), bei der Sozialhilfe anmelden. Bei der Berechnung des Sozialhilfebedarfs wird das Budget durch die Anzahl Personen, die im selben Haushalt leben, geteilt. Mutter und Sohn stehen zusammen ca. 2'000 Franken für die Miete und die gemeinsamen Lebenskosten zur Verfügung. Die Krankenkasse wird von der Sozialhilfe direkt bezahlt. Frau W. ist am Anschlag. Das Überziehen des Kontos ist eine unbefriedigende Situation, aber zwingend, um anfallende Rechnungen bezahlen zu können. Heute hat Frau W. Rekurs gegen den IV-Vorbescheid angemeldet und wartet auf den Entscheid. So lange bleiben sie und ihr Sohn von der Sozialhilfe unterstützt und prekär. Die IGA-Beraterin begleitet Frau W. und ihren Sohn solange, bis sich eine stabilere Lebenssituation ergibt.

Herr F. ist vor wenigen Monaten aus dem EU-Raum in die Schweiz migriert. Er arbeitet befristet auf einer Baustelle in Basel. Hier wird er von einer Temporärfirma aus dem Kanton Zug angeworben für einen Einsatz in einer Recyclingfirma in Baselland. Nach dem Ende des Einsatzes wartet Herr F. vergeblich auf seinen Lohn. Die Temporärfirma lässt ihn am Telefon immer wieder vertrösten, dass das Geld nächste Woche auf seinem Konto sein wird. Vergeblich. Er kann die Miete für sein Zimmer nicht mehr bezahlen und wohnt nun bei einem Kollegen. Erst als wir die Lohnklage beim Arbeitsgericht eingereicht haben, wird ein Teil des Lohnes überwiesen. Den Rest muss er vor Gericht geltend machen.

Prekär Arbeitenden zu ihrem Recht zu verhelfen ist aufwändig und «rechnet» sich auf den ersten Blick nie. Dies ändert sich jedoch, wenn man weiss, dass steter Tropfen den Stein hölt, bzw. «ein Angriff auf einen Einzelnen ein Angriff auf uns Alle ist.»

Claudia Studer ist Vorstandsmitglied IGA
Gewerkschaft IGA
www.viavia.ch/iga | iga@viavia.ch
Solidaritätskonto: PC 40-12009-0


 


 

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