Flüchtlinge integrieren - aber wie?

Fabienne Ayer

Die nationale Tagung zum Thema "Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene: Schritt für Schritt in den Arbeitsmarkt integrieren" fand am 17. März 2016 im Kongresshaus in Biel statt. Organisiert und moderiert wurde die Tagung von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS).

Das Auditorium des Kongresshauses Biel war voll. Nur ganz hinten gab es noch wenige leere Sitzplätze. Das Thema Flüchtlinge bewegt und zwar alle. Referiert haben Eingeladene aus allen Ebenen wie Bund, Kantone, Ämter, Wissenschaft, Hilfsorganisationen, Verbände und andere mehr. Über die Erfahungen mit Flüchtlingen in Deutschland wurde auch berichtet.

Wer hat Lösungen für die Integration der Flüchtlinge - und wie ist das Vorgehen. Das stand im Zentrum aller Fragen. Dementsprechend gab es verschiedene Lösungsansätze und Szenarien zu hören.

Die Schweiz ist von der aktuellen Flüchtlingswelle noch nicht so betroffen wie andere europäische Länder. Mario Gattiker, Direktor des Staatssekretariats für Migration (SEM), zeigte auf, dass durch die Änderung der bisher genutzten Fluchtrouten die Schweiz viel mehr Flüchtlinge aus Syrien hätte als bisher. Im Jahr 2015 waren es zwölf Prozent (4'745 Personen). Das SEM berechnet mögliche Szenarien aufgrund veränderter Fluchtrouten. Die Politik des Bundesrates setzt auf Hilfe vor Ort mit finanziellen Mitteln. Zusätzlich bietet die Schweiz ihre diplomatischen Dienste an. Die Schweiz beteiligt sich auf europäischer Ebene an Programmen zur Umverteilung von schutzbedürftigen Personen und setzt sich für einen dauerhaften und verbindlichen Verteilschlüssel ein. Die Prognosen deuten auf zukünftig höhere Zahlen von Migrantinnen und Migranten, die in der Schweiz Schutz suchen werden und zunehmend mehr unbegleitete Minderjährige.

Erfahrungen aus Deutschland

Michael Löher, Vorstand, Deutscher Verein, berichtete über Erfahrungen und Erkenntnisse aus Deutschland. In Deutschland sind bisher über eine Million Flüchtlinge angekommen. Was die Potentiale und Förderbedarfe der Flüchtlinge angeht, gibt es bisher nur lückenhafte Erkenntnisse. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung „IAB“ hat in einer nicht repräsentativen Untersuchung festgestellt, dass rund 80 % der befragten Personen keine Berufsausbildung haben. Andererseits könne das relativ junge Alter der Flüchtlinge eine günstige Ausgangssituation für ihre berufliche Qualifizierung in Deutschland sein. Für die ganz grosse Mehrheit der ankommenden Menschen gilt, dass sie nicht als - in Deutschland begehrte – „Fachkraft“ eingereist sind.

Arbeitgeber wollen ausgebildete Arbeitskräfte und benötigen formale Qualifikationen, um jemanden anzustellen. Minimale Deutschkenntnisse sind für jede Arbeit Voraussetzung. Somit besteht ein tiefer Graben zwischen dem Willen der Flüchtlinge zu arbeiten und den Möglichkeiten, die der Arbeitsmarkt zu bieten hat. Deutschland hat zudem ein grosses Problem mit der Konzentration auf die Ballungszentren Berlin und Köln. Dort leben bereits Communities oder Verwandte und Bekannte. Deshalb erhoffen sich Zugewanderte in Grossstädten und Ballungsgebieten bessere Jobchancen. Tatsächlich ist oft das Gegenteil der Fall. Der Arbeitsmarkt in Grossstädten und Ballungsräumen ist bereits gesättigt, im ländlichen Raum fehlen indes Arbeitskräfte.

Aktuell wird in Deutschland diskutiert, ob Wohnsitzauflagen ein Mittel zur Verbesserung der Integration wären. Wohnsitzauflage meint: Flüchtlinge werden nach Abschluss des Asylverfahrens einem Wohnort zugewiesen. An den Wohnort würde die Berechtigung zur Inanspruchnahme von Sozialleistungen gekoppelt, d.h. Grundsicherung für Arbeitsuchende würde nur am zugewiesenen Wohnort gezahlt. Wer anderswo einen Job findet, darf auch dort hinziehen.

Im besten Fall nach fünf Jahren in Deutschland integriert

Die Erfahrung zeigt, dass für die Integration in den ersten Arbeitsmarkt mit mindestens fünf Jahren zu rechnen ist. Sehr gute Erfahrungen wurden mit Praktika gemacht. Deutschland will die Absenkung der Mindestlöhne für Flüchtlinge nicht verfolgen. Viele Probleme sind noch ungelöst, wie belastende Familiensituationen, Traumata, unbegleitete Minderjährige und auch die Vermittlung kultureller Werte darf nicht unterschätzt werden. Erfahrungen zeigen, dass die Teilhabe an den bestehenden Tagesstrukturen die Integration fördert, wie zum Beispiel, Kindertagesstätten und Schulen. Es ist deshalb wichtig, den Ankömmlingen zu zeigen, welche Institutionen für sie nützlich und hilfreich sind.

Die grosse Herausforderung der Integration von Zugewanderten in den deutschen Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft wird gelingen,wenn dafür breite Bündnisse aller gesellschaftlichen Akteure und über alle Ebenen der Politik hinweg geschlossen werden. Erstes Ziel ist die Asylverfahren zu beschleunigen

Potenzial für den Arbeitsmarkt

Die Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen sind laut Philipp Sax, Leiter Bildung, Schweizer Fleisch-Fachverband, ein ungenutzes Potenzial für den Arbeitsmarkt. Bei den Schweizer Metzgern sind unzählige Lehrstellen nicht besetzt. Es fehlt an Fachkräften überall. Es könnten viele Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden. Erfahrungen zeigen, dass es kein Problem gibt mit Menschen muslimischen Glaubens, betreffend der Verarbeitung von Schweinefleisch. Nur essen dürfen sie es nicht. Hingegen sind die Arbeitsbewilligungen und schwierigen bürokratischen Wege ein echter Hemmfaktor. Man stelle sich eine kleine Metzgerei auf dem Land vor, die sofort jemanden anstellen möchte. Die Bürokratie ist endlos und undurchsichtig. Kleinbetriebe sind oft willig und aufgeschlossen und benötigen rechtliche Unterstützung und einfache Wege. Philippe Sax bedauert, dass mögliche Arbeitsplätze aufgrund der bürokratischen Hürden nicht zur Verfügung stehen. Eine nationale und vereinfachte Strategie wäre förderlich, um motivierte Arbeitgeber zu unterstützen. Zudem ist für eine Lehrstellenvergebung auch die Dauer des Aufenthaltes in der Schweiz massgebend. Niemand stellt eine Person mit der Ungewissheit an, dass diese nach wenigen Monaten zurückgewiesen wird. Beschleunigte Asylverfahren sind somit ein Muss. Für die Arbeitgeber sind folgende Massnahmen zwingend, um erfolgreich für eine Integration im Arbeitsmarkt zu sorgen: Sprachliche Kompetenzen, soziale Integration, Case Management, Abbau der Bürokratie, keine Gebühren für die Arbeitgeber.

Erfolgreiche Integration im Kanton Graubünden

Die Integration im Kanton Graubünden ist verglichen mit anderen Kantonen überdurchschnittlich erfolgreich. Was macht der Kanton anders? Patricia Ganter, kantonale Integrationsdelegierte, Kanton Graubünden erklärt: Der Kanton Graubünden hat klare Prozesse. Diese sind für alle Migrantinnen und Migranten gleich und logisch aufgebaut. Erstaunlicherweise gibt es keine Absenzen, obwohl niemand zur Teilnahme an irgendeiner Massnahme gezwungen wird. Alle sind im Programm. Zum grossen Erfolg der Integration tragen die drei Job-Coaches bei, die mit viel Herzblut Arbeitsplätze, insbesondere Praktika, organisieren. Ein enges Case-Management und eine gute Begleitung der Menschen ist das weitere Erfolgsrezept. Die Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen wissen, an wen sie sich wenden müssen und kennen die Abläufe, da diese für alle gleich sind. Hat ein Flüchtling erstmal Arbeitserfahrung gesammelt, finden je nach Bedarf Förderungsmassnahmen statt. Die Sprachkurse und das Coaching werden über die Integrationspauschale des Bundes bezahlt. Es gibt klare Zuweisungen und kein Wunschprogramm. Es ist wichtig Beziehungsarbeit zu leisten und den konstanten Kontakt mit den Asylsuchenden zu halten. Bei Problemen wie zum Beispiel familiären Belastungen, werden geplante Massnahmen zurückgestellt und die betreffende Person erhält ein neues Aufgebot. Dies alles wird über die kantonale Verwaltung zentral organisiert.

Social Impact Bonds

Einen neuen Finanzierungsweg zeigten Marc Baumann, Vorsitzender der Geschäftsleitung Invethos und Natali Velert, Abteilungsleiterin Integrative Angebote, Caritas Bern auf. Hier gibt es neue Begriffe wie "Social Impact Bonds[1]" zum Beispiel. Bezahlt wird bei Erfolg, was heisst, erst wenn ein Integrationsprojekt erfolgeich abgeschlossen wurde, gibt es Geld. Die Idee stammt aus Grossbritannien. Investoren beteiligen sich an einem Projekt und geben dafür Geld. Dieses Geld steht zur Verfügung, um Integrationsmassnahmen umzusetzen und Ziele zu erreichen. Werden die Ziele in der gesetzten Zeit erreicht, erhalten die Investoren Geld zurück. Der Erfolg wird zum Beispiel an der erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt gemessen. Es macht einen grossen Unterschied in der Art und Weise wie man die Arbeit angeht. Unser Sozialsystem zahlt normalerweise Geld aus, weil es jemand braucht und nicht, weil die Person es eben nicht mehr braucht. Der Anreiz ist genau umgekehrt. Es ist somit ein Ziel, Teilnehmer zu verlieren. In der Schweiz ist für Investoren bei Verlust wie bei Gewinn mit einer Rendite von maximal fünf Prozent zu rechnen.

Anmerkung der Autorin

Dass für eine Integration das rasche Erlernen der Ortssprache nötig ist, darin waren sich an der Tagung alle einig. Welches Niveau dabei erreicht werden sollte, war aber noch unklar. Zum Schluss sei gesagt, dass die verschiedensten Farbtöne im Asylwesen zusammenspielen sollten. Es muss langfristig geplant und ein Integrationspaket geschnürt werden, an welchem alle am selben Strang ziehen. Individuelle Begleitung von Flüchtllingen und vorläufig Aufgenommenen ist ein Schlüssel zum Erfolg. Das alles kann jedoch nicht nur von den Behörden und Organisationen ausgehen. Nein, ohne die aktive Beteiligung und das Mitwirken der Zivilbevölkerung sind allen Integrationsmassnahmen Grenzen gesetzt. Integration betrifft dich und mich, uns alle.

Weitere Informationen zu den Referaten: http://skos.ch/veranstaltungen/archiv/2016/



[1] Der Soziale Wirkungskredit (SWK), oder auch Social Impact Bond (vorwiegend in Grossbritannien), Pay for Success Bond (Vereinigte Staaten) und Social Benefit Bond (Australien), ist ein Politik- und Finanzierungsinstrument bei dem soziale Dienstleistungen privat vorfinanziert und im Erfolgsfall öffentlich rückvergütet werden. Hierzu bilden öffentliche Verwaltung private Vorfinanzierer und Sozialdienstleister eine Wirkungspartnerschaft, die von einem Intermediär gemanagt und von einem Gutachter evaluiert wird. Die Rückzahlung hängt vom Erfolg der sozialen Massnahme ab. (Wikipedia).

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: