Frauen haben ein Rentenproblem

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

Doris Bianchi

Das Bildungsinstitut der Gewerkschaften, movendo, bietet eine Vielzahl von Kursen zur Rentenplanung an. Die Kurse werden rege besucht, auch von vielen Frauen über 55. Als Referentin bin ich immer wieder erschrocken, mit welch tiefem Renteneinkommen diese Frauen rechnen müssen.

Die AHV-Renten befinden sich zwar auf dem Niveau der Männer. Denn hier helfen Erziehungsgutschriften, Ehegatten-Splitting und eine Rentenformel, welche die tiefen Einkommen begünstigt, enorm, die Frauenrenten zu verbessern. Die Renten aus der Pensionskasse sind für Frauen jedoch deutlich tiefer als jene der Männer. PK-Renten von rund 1000 Franken pro Monat sind bei einer typischen Frauenkarriere üblich: Wer die Erwerbsarbeit wegen der Familie unterbrochen hat, später wieder in den Beruf einsteigt – meist auf Teilzeitbasis – und meistens in schlechter entlohnten Frauenberufen arbeitet, wird sich in der Pensionskasse ein Altersguthaben zwischen 200‘000 und 300‘000 Franken zusammengespart haben. Das ist heute zu wenig für eine anständige Rente.

Im Haushaltsbudget von Ehepaaren kann eine solch tiefe PK-Rente der Frau durch die höhere PK-Rente des Ehemannes ausgeglichen werden. Meist erhalten Ehepaare zudem die maximale AHV-Rente, die bei 3510 Franken plafoniert wird. So erreicht ein Ehepaar gemeinsam bald ein Renteneinkommen von knapp 6000 Franken pro Monat.

Die mittleren Renten von Männern und Frauen sind in der AHV fast gleich hoch. Dank verschiedenen Ausgleichsmechanismen. Bei der zweiten Säule dagegen sind die mittleren Renten der Frauen nur etwas mehr als halb so hoch wie jene der Männer.

Nun haben die heute über 55-jährigen Frauen längst nicht alle einen Ehemann mit einer schönen PK-Rente daheim. Mit dem Renteneintritt der Baby-Boomer, kommt nun eine Generation in Rente, die weit häufiger Scheidungen hinter sich hat als die vorherigen Generationen. Die Scheidungsquote ist seit den 80er-Jahren stark angestiegen. Bei der Pensionierung Single zu sein, ist keine Seltenheit mehr. Und wer verheiratet ist, muss zudem mit einer immer tiefer ausfallenden PK-Rente des Ehepartners rechnen.

Den Frauen wird ihr Rentenproblem immer mehr bewusst. Umso mehr stören sie sich daran, dass das Rentenalter für sie auf 65 Jahre erhöht werden soll. Dies als Massnahme für die Gleichstellung von Mann und Frau. Aber Gleichstellung müsste beim Rentenalter in erster Linie bedeuten, für ein angeglichenes Renteneinkommen von Mann und Frau zu sorgen. Die Revision Altersvorsorge 2020 bietet zwar verschiedene Lösungsansätze. Nicht alle sind aber gleich tauglich.

Zum Beispiel will der Bundesrat den sogenannten Koordinationsabzug abschaffen, um das Renteneinkommen aus der Pensionskasse zu verbessern. Anstatt nur einen Teil des Lohnes bei der PK versichern zu lassen, sollen die Versicherten und die Arbeitgeber auf den gesamten Bruttolohn PK-Beiträge bezahlen. Heute werden vom Bruttolohn sieben Achtel einer maximalen AHV-Einzelrente abgezogen und nicht versichert. Dahinter steckt die Überlegung, der Lohnanteil, der bereits bei der AHV versichert sei, solle nicht noch einmal in der zweiten Säule versichert werden. Eine Abschaffung dieses Koordinationsabzugs käme den Teilzeitarbeitenden und den Arbeitnehmenden mit kleinen Löhnen zu Gute. Klingt gut, erweist sich jedoch bei näherer Betrachtung als eine kostspielige Lösung mit wenig Wirkung:

Die Beitragslast für die betroffenen Frauen würde enorm steigen. Eine Arbeitnehmerin mit einem Bruttolohn von 3000 Franken pro Monat müsste im Vergleich zu heute rund 3mal so hohe Beiträge in die PK zahlen, 300 statt 100 Franken monatlich.

Die volle Wirkung auf das Renteneinkommen entfaltet sich zudem erst nach 40 Jahren. Massnahmen zur Verbesserung des Renteneinkommens aus der 2. Säule greifen erst nach einer langen Anspardauer. Eine tiefe Verzinsung und gesunkene Umwandlungssätze schmälern zudem die künftige PK-Rente.

Den älteren Frauen mit der Aussicht auf tiefe PK-Renten, denen ich in den movendo-Kursen begegne, bringt der Vorschlag des Bundesrates, den Koordinationsabzug abzuschaffen, nicht viel – ausser höheren Abgaben. Ihre Rentenlücken können so nicht gestopft werden. Abhilfe schaffen könnte hier einzig eine Erhöhung der AHV-Rente. Denn die AHV ist umlagefinanziert, und eine Erhöhung wirkt sofort ohne lange Anspardauer. Der Ständerat hat dies erkannt. Er schlägt die Verbesserung der künftigen AHV-Renten um Fr. 840 pro Jahr und die Erhöhung des Plafonds für Eheleute vor. Diese Verbesserung ist nötig, denn das Rentenproblem der Frauen ist akut. Gelöst ist das Problem aber auch damit noch nicht. Dafür braucht es die Volksinitiative AHVplus.

Quelle:

http://ahvplus-initiative.ch/wp/index.php/2016/04/20/frauen-haben-ein-rentenproblem/

 

 


 


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