Bibliotheken, Banken, Bargeld - alles digital?

Oswald Sigg

Aus dem Tagebuch

Sonntag. Bibliotheken

Der Direktor der weltbekannten ETH-Bibliothek findet in der NZZ klare und deutliche Worte. Ein Untergang sämtlicher Bibliotheken stehe unmittelbar bevor. Seither ruht mein Blick wieder öfters auf den vertrauten Bücherrücken daheim. Es sei sinnlos, wenn das gesammelte Wissen der Welt noch immer auf verstaubten Regalen in leeren Lesesälen und in riesigen Tiefkellern unter gedämmtem Licht in Büchern gefasst herumliege. Jeder Mensch könne bequem zuhause am Bildschirm alle Bücher der ganzen Welt via Internet konsultieren. Die Frage ist nur: was geschieht mit den Bänden, mit den Bibliotheken, wohin mit dem Fachpersonal und was tun die Benützerinnen und Leser, die nicht ans Internet glauben? Der ETH-Bibliotheksdirektor - ein dreifach studierter Mann - glaubt, die Bibliotheken müssten endlich ihr Geschäftsmodell ändern. Doch die Vermittlung des Wissens war noch nie einfach. In den ersten bekannten Bibliotheken war das Lesen mindestens mit körperlichen Strapazen verbunden. Der Assyrerkönig Assurbanipal hielt im 7. Jahrhundert v.Chr. dem geneigten Publikum in Ninive eine Sammlung von Keilschrift-Tontafeln zur Verfügung. Und diese Inhalte sollen nun mit zwei, drei Klicks über das Internet abrufbar sein? Es ist vielmehr so: Im Internet findet man alles. Und nichts.

Montag. Bargeld

In 10 Jahren, sagt der Chef der Deutschen Bank in der Süddeutschen Zeitung voraus, werden Noten und Münzen, wird das Bargeld, wird Cash Geschichte sein. Die Portemonnaies der Männer, die Portefeuilles und die in den Taschen der Frauen verschliessbaren Fächer - das alles wird so überflüssig wie nutzlos werden. Die Frage ist nur: was geschieht mit dem Bargeld, den Münzen und Noten, die überall noch in Kassen, unter Matratzen, in Safes und in den herzigen Sparsäuli liegen? Was geschieht mit den alten Banknoten, die mein Vater noch im Band 7 der Gotthelf-Volksausgabe (Titel: ‹Geld und Geist›) aufbewahrte, weil er immer der Meinung war, Einbrecher seien grundsätzlich dumm und würden Werthaltiges sicher nicht zuerst im Bücherschrank suchen? Wie soll man einem Clochard - beispielsweise in den Ferien in Paris unter dem Pont des Invalides - eine milde Gabe reichen, wenn er kein Kreditkartenlesegerät zur Hand hat? Sondern nur einen Karton mit der Aufschrift: ‹no credit cards›. Oder wie unterstützt man künftig eine erfolgreiche politische Partei in der Schweiz mit einem grösseren Betrag und anonym, wie es sich gehört, wenn nicht mit Bargeld, transportiert im ledernen Aktenkoffer? Doch gerade bei uns in der Schweiz, wo noch Recht und Ordnung herrschen, ist das Bargeld an und für sich ungefährdet. Im Bundesgesetz über die Währung und die Zahlungsmittel (vom 22. Dezember 1999, Stand am 1. Januar 2016) steht der entscheidende Satz: «Schweizerische Banknoten müssen von jeder Person unbeschränkt an Zahlung genommen werden.» Punkt.

Donnerstag. Bankfilialen

Die Zürcher und andere Kantonalbanken wollen in der Kundenberatung ganz neue Wege gehen. Auf SRF in der Sendung 10 vor 10 wird von künftig unbemannten Bankfilialen berichtet. Schön wärs, wenn dort nur Frauen die Kunden empfangen würden. Aber nein. Die bisherigen Kantonalbankfilialen werden umgenutzt, vermietet oder als Liegenschaften verkauft. Damit ist gerade die ZKB auf dem Höheweg des Erfolgs. Sie erzielt dank Ausdünnung des Filialnetzes und Einsparungen beim Personal höchste Gewinne. Die unrentablen Filialen werden durch digitale Verrichtungsboxen ersetzt. Dort drin darf sich der Kunde mit einer ZKB-Beraterin via Bildschirm über seine Probleme unterhalten. Die erste Kundschaft - auf Probe - scheint zwar noch nicht durchwegs begeistert zu sein von der neuen Errungenschaft der schweizerischen Finanzindustrie. Aber meinerseits wäre ich es auch nicht. In die altehrwürdigen und auch in die vor 20 Jahren noch brandneuen Schalterhallen der Banken ging man gerne, weil man wusste oder spürte: hier liegt mein Geld. Hinter den Schaltern standen freundliche, sachkundige und diskrete Bankangestellte. Man sah es und sie wussten es - dass sie eine grosse Mitverantwortung für das Ansehen des Hauses und für die Qualität der Dienstleistungen trugen. Diese Bankenkultur ist schon mit dem Bancomaten zerstört worden. Und die digitale Revolution frisst jetzt nicht ihre Kinder, sondern deren Arbeitsplätze.

Sonntag. Parteien

Wieder in der NZZ. Endlich: die politische online-Diskussion mit ihren wutbürgerlichen Ausbrüchen in Form von Beleidigungen und Diffamierungen wird als eine Gefährdung der direkt-demokratischen Politik und ihrer Institutionen dargestellt. Einige sogenannte soziale Medien sind längst Aktionsplattformen polarisierender und extremer Gruppen geworden. Sie verdrängen Zeitungen, Radio und Fernsehen. Vielleicht werden auch die politischen Parteien langsam überflüssig. Ein Gremium wie der Bundesrat, zum Beispiel, setzt sich dann zusammen aus drei Facebook-, zwei Twitter- und sagen wir zwei youtube- oder Instagram-VertreterInnen.  Sie - die Bundesräte - regieren bequem online vom Auto aus, von der Ferienwohnung oder aus dem Flugzeug und sie sind nicht mehr im Bundesratszimmer. Dort war es nicht zu vermeiden, einander in die Augen zu schauen und miteinander einigermassen vernünftig zu reden.

 

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