Grundeinkommen im Kommen

Hälfte / Moitié

Am 18. Oktober 2014 fand im „Roschtige Hund“ in Aarau eine Kul­tur­veranstaltung zur Volksinitiative für ein Bedingungsloses Grundein­kommen (BGE) statt. Kristina Eva Schwabe begrüsste die Teilnehmenden mit dem Leit­gedanken:  Ankommen – Klarkommen – Freikommen, Willkommen Grundein­kommen.

Enno Schmidt, einer der ersten Impulsgeber für ein Bedin­gungsloses Grund­einkom-men (BGE) und Mitinitiant der eidgenössischen Volksinitiative, dokumentierte mit sei-nen Kurzfilmen „Tanz in den Mai“ und „Goldener Oktober“, wie die Unterschrif­ten gesammelt und am 4. Oktober 2013 in Bern eingereicht wurden. Bildhaft wurde dabei die Absicht, das Tabu des Geldes zu brechen und den Tep­pich eines Exis­tenzminimums auszubreiten, auf dem das Leben stattfindet.

Tätigkeiten, die einem zusagen

Als Sozialpsychiaterin und Familientherapeutin hob Ursula Davatz hervor, dass der Mensch für die tätige Gemeinschaft geboren wurde. Sie erinnerte an das administrative Elend, in dem sich ihre PatientInnen befinden, sprach vom Misstrauen der Versi­cherungsträgerschaft ihnen gegenüber, das zwischen den Zeilen in zahlreichen Gut­achten zum Ausdruck gebracht wird. Trotz mehrfachen ärztlichen Bescheinigungen würden Menschen mit Massnahmen konfrontiert, denen sie nicht gewachsen und somit gezwungen seien, rechtliche Schritte einzuleiten, um ein Taggeld oder eine Invalidenrente zu erhalten.  Ent­blössungen und Demütigungen erwarteten die Pati­entInnen so oder so. Aus pragma­tischen Gründen befürwortet Davatz das Bedin­gungslose Grundeinkommen. 

Daniel Knecht, der Präsident der Aargauischen Industrie- und Handelskammer, sprach als Unternehmer. Er befürchte, dass das Bedingungslose Grundeinkommen den Wettbewerb kaputt mache, so Knecht. Dem wurde die Frage entgegen gehalten, ob die Wirtschaft für die Menschen da sei oder die Menschen für die Wirtschaft. Liebe zum Produkt und zur Innovation, weniger das Geld seien die Antriebskräfte des Unter­nehmertums, bekräftigte Daniel Straub, Mitglied des Initiativkomitees und Co-Autor des Buches „Die Befreiung der Schweiz“. Genau dies sollte mit dem BGE allen Menschen im Kleinen er­möglicht werden: Nicht mehr unter Existenzdruck jegliche ungeliebte Arbeit für ein mickriges Lohneinkommen zu vollbringen, sondern, mit ei­nem Stück Freiheit ausge­stattet, die Tätigkeit zu wählen, die gefällt.  

Gratis Care-Arbeit nicht abgegolten 

Über das Bedingungslose Grundeinkommen und den sozialen Aspekt führten Judith Giovanelli-Blocher und SP-National- und Gemeinderätin Yvonne Feri einen Dialog. Beim BGE ginge es auch um ein Menschenbild, das unsere Sozialpolitik beseelen sollte, so Giovanelli-Blocher. Feri stellte die Frage, was wohl Menschen empfänden, wenn sie Sozialhilfe oder AHV-Ergänzungsleistungen beziehen müssten. Das Admi­nistrative in der Sozi­alhilfe von heute belastet gleichermassen sowohl die öffentliche Hand als auch die Sozialhilfe-Beziehenden. Aus Frauensicht erwähnte Feri, dass mit einem all­fälligen BGE die bisher entschädigte Care-Arbeit kaum abge­golten würde. Bei häusli­cher Gewalt seien Frauen mit einem BGE jedoch finanziell unabhängiger und nicht der wirtschaftli­chen Leistung ihres Partners ausgeliefert. Ju­dith Giovanelli-Blo­cher, Autorin und Fachfrau für soziale Arbeit, ärgerte sich vor allem darüber, wie heutzutage mit dem Thema Armut und Sozialhilfe umgesprungen und wie Menschen verächtlich gemacht würden, die sich nicht selber helfen können. 

Aus christlicher Sicht argumentiere Claudia Bandixen, Direktorin des Hilfswerkes Mission 21, zum BGE. Als protestantische Theologin fände sie eine Entsprechung zum BGE in der Vorstel­lung des Christentums vom Reich Gottes und dessen Erfül­lung in den Menschen. Auch erinnerte Bandixen an das Standard-Gebet „Vater un­ser“ mit dem Wunsch, dass das tägliche Brot gegeben würde. Sie zeigte sich be­geistert von der Grundidee des BGE, diese müsste jedoch weltweit umgesetzt wer­den. Das entspräche auch dem Christentum, das sie als Leitkultur in unserem Lan­d be­zeichnete. Bandixen, die jahrelang in Slums in Südamerika tätig war, konnte sich heute weder für noch gegen die Volksinitiative für ein BGE in der Schweiz aus­spre­chen. 

Neu denken und neu definieren 

Am abschliessenden Podium mit Stimmen aus dem Publikum wurden zwei Schwer­punkte hervorgehoben: Mit dem BGE verlöre der Zwang zur Arbeit an Schärfe. Einkommen, auch solche aus Löhnen, ergäben sich für alle eine Spur frei­heitlicher und kreativer. Mit dem BGE müsste alles in unserem sozialen System und in der Gesell­schaft neu gedacht und neu definiert werden. Für die Orga­nisation der erfolgreichen Veranstaltung in Aarau verantwortlich war Kristina Eva Schwabe. Ein Kompliment. 

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