Höhere AHV-Renten: Wichtig für die Frauen

Peter Anliker

Drei Fallbeispiele

Die Erhöhung der AHV-Renten um 10 Prozent, wie sie die AHVplus-Vorlage vorsieht, ist gerade für die Frauen eine wichtige Forderung. Denn noch immer erhalten viele Frauen aufgrund ihrer unterschiedlichen Erwerbsbiografie im Alter fast ausschliesslich die AHV-Rente. Sie daher unbedingt auf eine Erhöhung angewiesen.

Hier sind drei Fallbeispiele:

Sonja: von der IV «ausgetrickst» und im Alter angewiesen auf die AHV-Rente

Sonja* arbeitet als Personalfachfrau in einer sozialen Institution. Schon seit Jahren macht ihr ein Augenleiden zu schaffen, sie sieht immer weniger und muss ihre Arbeitsstelle schliesslich aufgeben. Bei der IV prüft man die Möglichkeit einer Umschulung; Sonja, die viele Reisen gemacht hat und mehrere Sprachen spricht, entscheidet sich für eine Ausbildung zur Simultandolmetscherin. Die IV übernimmt die Kosten der Ausbildung samt den Reise- und Aufenthaltskosten. Einige Monate nach erfolgreichem Ausbildungsabschluss und den ersten Einsätzen als selbständige Simultanübersetzerin merkt Sonja, dass sie die anstrengenden, manchmal mehrtägigen Einsätze, die oft auch mit Reisen verbunden sind, überfordern. Schweren Herzens muss sie den Versuch einer selbständigen Erwerbstätigkeit aufgeben. Auf dem Arbeitsmarkt gilt sie aufgrund ihrer Behinderung als «nicht vermittlungsfähig» – und damit hat sie kein Anrecht auf eine Arbeitslosenunterstützung.

Bei der neuerlichen Anmeldung bei der IV erlebt Sonja eine Abfuhr: mit der Umschulung habe die IV ihrer Leistungspflicht Genüge getan, wird ihr mitgeteilt, eine IV-Rente erhält Sonja deshalb nicht; sie steht in der Folge ohne Einkommen da, und wäre sie nicht verheiratet, so wäre sie in kürzester Zeit von der Sozialhilfe abhängig.

Auch der Blick in die Zukunft ist düster, was die Finanzen anbelangt: Die AHV wird die einzige nennenswerte Einnahmenquelle im Alter sein, denn da sie nur eine begrenzte Zeit in die Pensionskasse einbezahlt hat, ist auch ihre Pensionskassenrente kaum mehr als ein besseres Sackgeld, und freie Mittel für die «dritte Säule», das steuerbegünstigte Sparen, blieben Sonja weder früher als junger Mutter mit Teilzeitpensum noch in ihrer heutigen Situation.

Jolanda: mit Teilzeitjobs gut verdient, aber am Schluss ohne Pensionskassengeld

Jolanda* liebt die Abwechslung über alles. Sie ist auf der ganzen Welt zuhause und übt immer mehrere Jobs nebeneinander aus. Die Arbeit als Reiseführerin hat sie schon während des Studiums an der PH angefangen und danach ausgebaut. Manchmal übernimmt sie als ausgebildete Lehrerin Stellvertretungen für Lehrer/innen, die krankheitsbedingt oder wegen eines WK ausfallen. Auch eine Mutterschaftsvertretung hat sie einmal gemacht. Als Freelancerin arbeitet sie für verschiedene Zeitschriften, sie liefert vor allem Reisereportagen, gelegentlich arbeitet sie aber auch für andere Ressorts und sie hat auch schon Redaktionsstellvertretungen ausgeübt. Und in der Winterhochsaison trifft man sie als Skilehrerin in mondänen Kurorten.

Von ihren verschiedenen Teilzeittätigkeiten kann Jolanda nicht schlecht leben: «In guten Jahren bin ich schon auf ein Gesamteinkommen von über 80 000 Franken gekommen», sagt sie nicht ohne berechtigten Stolz.

Weniger rosig schaut aber der Blick in die finanzielle Zukunft, auf ihr Einkommen im Alter aus. Weil sie nämlich bei keiner der verschiedenen Anstellungen auf ein (Jahres-)Einkommen von über 21 150 Franken kommt, also bei keinem die sogenannte «Eintrittsschwelle» überspringt, versichert sie keiner ihrer Arbeitgeber bei der Pensionskasse. Sie merkt zu spät, dass sie sich bei der sogenannten «Auffangeinrichtung» hätte melden können, die Arbeitgeber hätten dann auch ihren Beitrag an die Pension zahlen müssen. Von ihrem abwechslungsreichen Leben bleiben Jolanda bei der Pensionierung deshalb zwar viele schöne Erinnerungen, aber leider nicht die dringend nötige Pensionskassenrente.

Verena: die «klassische» Frauenkarriere, die die Frauen bei der PK diskriminiert

Verena* hat nach ihrer Ausbildung als Architektin auf dem Raumplanungsamt des Kantons Bern gearbeitet. Ende der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts fand ihr Mann eine interessante Stelle – leider in St. Gallen. Die junge Familie zog um und Verena gab ihre Erwerbstätigkeit vorübergehend zugunsten der Mutterschaft auf. Sie engagierte sich in St. Gallen in verschiedenen Non-profit-Projekten und bei kulturellen Aktionen. Die Pensionskasse des Kantons Bern, bei der Verena versichert gewesen war, überwies nach der Aufgabe der Erwerbstätigkeit das Freizügigkeitsguthaben statutengemäss auf ein Freizügigkeitskonto.

Als Verena die Abrechnung sah, musste sie leer schlucken: Damals bestand beim Austritt aus der kantonalen Pensionskasse – anders als heute – noch keine volle Freizügigkeit, und das überwiesene Guthaben war entsprechend bescheiden. Auf dem Freizügigkeitskonto ist das Konto danach des minimalen Zinses wegen kaum gewachsen. Als Verena mit 48 Jahren, die Kinder waren in der Zwischenzeit ausgeflogen, wieder eine Stelle antrat – natürlich nach den langen Jahren ohne Berufspraxis nicht mehr als Architektin, sondern als Sachbearbeiterin in einem privaten Architekturbüro –, teilte ihr die neue Kasse die maximal mögliche Einkaufssumme mit. Verena lacht noch heute ein bitteres Lachen, wenn sie davon erzählt: Das Guthaben auf ihrem Konto lag weit unter der Summe, die sie für das «Weiterführen des Lebensstandards» – laut Verfassung das Ziel der PK – nötig hätte. Trotz eingebrachtem Guthaben und seither angesparten Kapital wird sie bei ihrer Pensionierung in drei Jahren nur eine bescheidene Rente kriegen.

* alle Namen geändert

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