Im Reich der Dokumente

Jörg Eigenmann

Sozialhilfe

Sozialhilfe zu beantragen, ist kein Spaziergang. Die persönliche und finanzielle Situation muss lückenlos dokumentiert werden. Wie steil das Gelände ist, hängt von Vielerlei ab.

Es ist ein bisschen wie auf der Post: Man zieht eine Nummer, setzt sich in die Stuhlreihe und wartet. Bis die Zahl auf dem Display erscheint. Im Unterschied zur Poststelle gibt es aber keine Bildschirme mit den Wetterprognosen und auch keine mit Kleinkram vollgestellten Verkaufsregale. Schliesslich befinden wir uns nicht in der Schalterhalle des teilprivatisierten Service-Public, sondern bei einem städtischen Verwaltungszweig – genauer: dem Sozialdienst!

Frau F. muss Sozialhilfe beantragen. Die 40jährige Mutter wollte das um jeden Preis vermeiden. Nur schon die Vorstellung des Papierkrams, den es zusammenzutragen gilt, trieb ihr den Schweiss auf die Stirn. Dann wurde ihr aber klar: Weil ihr letzter Arbeitgeber Formulare zurückhält, würde es dauern, bis die Arbeitslosenversicherung die Taggelder auszahlt. Und: Im Haushaltsbudget würde jeden Monat ein Loch klaffen. Also machen wir den Gang nach Canossa!

Über drei Ebenen zur Sozialhilfe

Die Berner Hochschule für Soziale Arbeit stellt in einer Studie fest, dass sich auf drei Ebenen bestimmt, ob jemand Sozialleistungen in Anspruch nimmt. Die erste Ebene umfasst die Ausgestaltung der Sozialhilfe. Damit sind die Regelungen gemeint, mit denen konkretisiert wird, ob jemand Anspruch auf Sozialhilfe hat. Je unklarer diese Regelungen sind und je grösser der Ermessenspielraum, desto seltener werden Sozialhilfeleistungen beansprucht. Überdies spielt eine Rolle, wie hoch die Leistungen angesetzt sind und ob eine anspruchsberechtigte Person von sich aus aktiv werden muss.

Auf einer zweiten Ebene erlangen administrative Aspekte eine Bedeutung. Ob jemand Sozialhilfe beantragt oder nicht, hängt davon ab, wie transparent und nachvollziehbar die Verwaltungsabläufe sind, wie verständlich die Formulare daherkommen und ob es gelingt, die Informationen zielgruppengerecht zu vermitteln. Hier wird auch bedeutsam, wie die Angestellten den potentiellen Klientinnen und Klienten begegnen: Wird die antragstellende Person freundlich und zuvorkommend behandelt oder schnippisch-herablassend?

Die dritte Ebene schliesslich beschreibt individuelle Faktoren. Einen Einfluss auf die Gesuchstellung hat, ob jemand überhaupt weiss, dass ein Anspruch auf Sozialleistungen besteht. Wichtig ist auch, wie die gesuchstellende Person mit den Formularen und den zu beschaffenden Unterlagen zu Rande kommt. Weiter spielt die Furcht vor Stigmatisierung und Demütigung eine Rolle – aber auch welche persönliche Einstellung jemand zu finanzieller Abhängigkeit hat.

Keine Hilfe ohne Papiere

Die unterste Stufe meistern wir mühelos: wir melden Frau F. an und holen das Unterstützungsgesuch. Der junge Schalterbeamte erklärt uns geduldig, welche Unterlagen der Sozialdienst braucht, damit überhaupt ein Termin für das Erstgespräch zustande kommt. «Wenn Sie Hilfe beim Ausfüllen brauchen», fügt er an und seine Hand zeigt über unsere Köpfe nach links, «können Sie sich an den Schreibdienst wenden». Tatsächlich sitzen etwas abgesetzt in der Schalterhalle zwei Frauen an Schreibtischen. Die eine erklärt gerade einem Klienten, in welche Formularkästchen er die Kreuze setzen muss. «Endlich, die Bibel ist fertig – mein Leben dokumentiert», jubiliert der Mann – er hat offenbar den Humor noch nicht verloren.

Drei Tage später geben wir das Unterstützungsgesuch mitsamt der Unterlagen ab. Ab diesem Datum wird der Sozialdienst die Unterstützungsleistungen berechnen. Allerdings bedeutet uns die Frau am Schalter, dass noch etliche Unterlagen fehlen. Wir haben nun zehn Tage Zeit, diese nachzureichen. Ist das Gesuch nach dieser Frist immer noch unvollständig dokumentiert, so wird der Sozialdienst darauf nicht eintreten. Es sei denn, wir könnten belegen, weshalb welche Dokumente fehlen.

Die Phase, die wir gerade durchlaufen, nennt sich Vorabklärung, manche Experten sprechen von Triage. Es gibt verschiedene Gründe, weshalb ein Sozialdienst noch vor einem Erstgespräch diesen Filter einbaut. Einerseits prüft der Sozialdienst, ob er örtlich und sachlich überhaupt zuständig ist. Andererseits hat der Sozialdienst Gelegenheit, anhand der Unterlagen erste Prüfschritte zu machen und beispielsweise das Steuerregister zu konsultieren oder etwa in Erfahrung zu bringen, ob jemand ein Fahrzeug besitzt. Ein durchaus mitgewollter Effekt ist auch, dass dergestalt eine zusätzliche Schwelle für den Sozialhilfebezug entsteht. Ein Sozialarbeiter dazu: «Die Klientel muss zuerst was leisten, bevor sie was bekommt – heute kann man nicht mehr so schnell einfach Geld abholen.»

Der Blick fürs Wesentliche

Nachdem wir die fehlenden Unterlagen nachgereicht haben, bekommen wir erstaunlich rasch den Termin bei einer Sozialarbeiterin. Wir dürfen heute ein anderes Ticket ziehen und müssen nicht nochmals zum Schalter. Während der Sicherheitsangestellte in der Schalterhalle Runden dreht, warten wir auf die Sozialarbeiterin.

Die erscheint überpünktlich, murmelt eine warme Begrüssung und lotst uns durchs Gebäude. Links und rechts im weitläufigen Flur stehen Türen offen. Sie erlauben den Blick in Büros, wo durchwegs junge Menschen stehen, sitzen und diskutieren – modisch gekleidet, mit einem Zug ins Hipsterhafte. Keine Spur von muffeligen Amtsstuben – man kommt sich vor wie auf der Kreativ-Abteilung einer Werbeagentur.

«Ich bin an das Sozialhilfegeheimnis gebunden», eröffnet die Sozialarbeiterin das Gespräch, «es bleibt unter uns, was wir hier besprechen.» Alles Übrige, fährt sie fort, habe die Klientin ja bereits in der Broschüre, die sie erhalten habe, nachlesen können. Die Sozialarbeiterin weiss, weshalb wir hier sind: Frau F. ist arbeitslos, es gibt Verzögerungen mit den Taggeldern der Arbeitslosenkasse. Die eine Firma, für die Frau F. gearbeitet hat, nimmt sich viel Zeit, um die Formulare auszufüllen.

Im Gegensatz zum säumigen Arbeitgeber lässt die Sozialarbeiterin keinen Zweifel daran, dass ihr Formulare und Dokumente wichtig sind. Einen guten Teil des Erstgespräches wendet sie dafür auf, sicherzustellen, dass im Dossier nichts fehlt. Das hat nichts Herablassendes, im Gegenteil: es scheint echte Sorge durch – die sich halt eher auf die Vollständigkeit des Dossiers bezieht, als darauf, wie die Klientin den Lebensunterhalt bestreitet.

Aber: Keine Spur von Degradierung! Frau F. hört keine Vorwürfe, dass sie mit ein bisschen Selbstverantwortung den Gang zum Sozialdienst hätte vermeiden können. Die Lebensgeschichte interessiert bei dieser Fallkonstellation nicht sonderlich. Die Sozialarbeiterin fragt distanziert knapp nach Familie und Sozialem, Gesundheit und Wohnen. Dann erläutert sie uns das Budget, das sie vorbereitet hat: im Tempo eines Schnellzuges geht sie die einzelnen Posten durch und zeigt, wie sich der Fehlbetrag errechnet. «Wir können die Auszahlung in den nächsten Tagen veranlassen – wenn das meine Chefin so genehmigt», stellt sie in Aussicht. Wir schauen also in zwei Tagen nochmals vorbei, um zu erfahren, ob das die Vorgesetzte auch so sieht.

Kategorisieren und segmentieren

Die knappe Erhebung der Lebenssituation ist nicht auf mangelndes Interesse zurückzuführen. Die Sozialarbeiterin hat abgeschätzt, dass die Hilfeleistung des Sozialdienstes nur für kurze Zeit vonnöten ist. Nach der Berner Hochschule für Soziale Arbeit versuchen viele Sozialdienste das Motivations- und Integrationspotential ihrer Klientel zu erheben, um daraus den Beratungsbedarf abzuleiten. Entsprechend unterschiedlich gestaltet sich dann die persönliche Hilfe.

Frau F. ist nicht traurig, wird ihr Beratungsbedarf als niedrig veranschlagt und der Gang zum Sozialdienst nicht zur Routine. Als wir nochmals antraben, wird bereits klar, dass es das letzte Gespräch ist. Bis die Arbeitslosenentschädigung zum Tragen kommt – voraussichtlich innerhalb der nächsten zwei Monate – wird der Sozialdienst Unterstützungsleistungen ausrichten. Dass für Sozialhilfe während dieser kurzen Zeit eine Unzahl an Dokumenten nötig gewesen ist, erinnert daran: Die Ausrichtung von Sozialhilfe ist vor allem ein Verwaltungsakt. Nüchtern und sachlich. Insofern fühlt man sich tatsächlich fast wie auf der Post.

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