In eigener Sache: Werte für Hälfte / Moitié

Paul Ignaz Vogel

Als ich die Statuten für den Verein für soziale Gerechtigkeit (TrägerInnenschaft für den Mediendienst Hälfte/Moitié) zusammenstellte, legte ich besonderen Wert auf die Menschenrechte. Der TrägerInnenverein wurde am 12. Januar 2008 gegründet. Die Menschenrechte stehen an erster Stelle in Art. 1 der Statuten.

Ich bin gefragt worden, welches meine Motivation zur Arbeit für den Mediendienst Hälfte/Moitié ist. Die Antwort fällt mir nicht schwer: Ich denke aus der Optik der Menschenrechte. 

Die erwerbstätige Generation steht im Existenzkampf. Wie können sich arbeitende Menschen  um die Verbesserung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation kümmern, damit jedem Individuum ein menschenwürdiges materielles Einkommen  zur Verfügung steht - und die Existenz für alle chancengleich gesichert wird? Und wie werden Arbeit und Erwerbslosigkeit im Bereiche der lohnlosen Familienarbeit verteilt? Das sind einige Fragen, für die wir politische und gesellschaftliche Antworten erwarten. 

Demokratischer Rechtsstaat als Errungenschaft der Menschenrechte 

In welcher Kultur leben und arbeiten wir? Und mit welchem kulturellen Hintergrund denken wir? 

Les hommes sont égaux devant la loi / Die Menschen sind gleich vor dem Gesetz. Diese wohltuende Aussage prangt auf unsere Website www.haelfte.ch. Wenn wir ins Bildfeld klicken, offenbaren sich uns Zusatzinformationen. Es heisst:

Die Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Für Jean-Jacques Rousseau bedeutete Gerechtigkeit, die dem Menschen angeborene Gleichheit und Freiheit gesellschaftlich zu verwirklichen. Ausschnitt aus einem Fresko im ehemaligen Dominikanerkloster (heute: Internationales Museum der Parfümerie) in Grasse (Frankreich). 

Wir kreisen mit diesem Bild (von Oswald Sigg entdeckt) um die Werte der Aufklärung, auch um den demokratischen Rechtsstaat als Errungenschaft der Menschenrechte. Um den Rechtsstaat, der sich zum ausgleichenden Sozialstaat entwickelt hat. 

Blicken wir etwas zurück in der europäischen Geschichte. Das Licht der Aufklärung brachte uns drei Werte, mit denen die Menschenrechte verwirklicht werden sollten: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. Es gilt nun, diese Werte in unserer Zeit in den gesellschaftlichen Verhältnissen zu verstehen und anzuwenden. 

Freiheit 

Heute wird der Begriff Freiheit vor allem zusammen mit der Macht der Piviligierten erwähnt. Wirtschaftsfreiheit und Eigentumsfreiheit gelten fast absolut, ohne gesellschaftliche Verpflichtung. Und diese Freiheiten werden andauernd medial erstrangig behandelt und hochgelobt. 

Doch aus der Sicht der wirtschaftlich Benachteiligten, der Erwerbslosen, der Ausgegrenzten, der Armen, der working poor etc. besteht ein ebenso grosses Bedürfnis nach Freiheit und Selbstverwirklichung. Wenn um das Existenzminimum gerungen werden muss und dies alle Lebenskräfte abverlangt, besteht wenig Freiheit. Ein bedingungsloses Grund-Einkommen wäre ein gutes Mittel, um die Existenzsicherung und Zwang und Gefahren des Selbstverlustes zu bestehen. Die journalistische Arbeit im Mediendienst Hälfte/Moitié kann auch neue Impulse und Ideen aufgreifen, um den festgefahrenen sozialpolitischen Diskurs zu beleben. 

Gleichheit  

Die gesellschaftliche Gleichheit hat einen  jahrhundertalten Werdeprozess hinter sich. Immer wieder mussten Rückschläge verkraftet werden. Dieser gesellschaftlichen Gleichheit gilt heute der zentrale Angriff durch den Neoliberalismus, durch Nationalismus und Rassismus.  

Gleich sein, von Mensch zu Mensch nicht Verschiedenheiten zu betonen, das ist ein hehres Ziel auch für die Zukunft. Gleich vor dem Gesetz, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft etc. Darum gilt es über bestehende Ungleichheiten und Diskriminierungen aufzuklären. Erst dann kann eine gesellschaftliche Verbesserung im Handeln und Denken der Mehrheit aller Menschen beginnen.  

Gleiche Löhne für Frau und Mann. Gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Der zweite Arbeitsmarkt fördert auch eine Zweiklassengesellschaft. Die erstrangig Arbeitenden und erstrangig Besoldeten, und die zweitrangig Arbeitenden und zweitrangig Besoldeten. Wo ist da die Gleichberechtigung? Chancengleichheit sollte durch ein umfassendes Ausbildungsangebot erreicht werden. Den unteren und untersten Schichten helfen Stipendien mittel- und langfristig mehr als der Bezug von Almosen und Bargeld der Sozialhilfe.  

Geschwisterlichkeit  

Die Werte von Solidarität und gegenseitige Hilfe sind heute verblasst. Individualismus steht hoch im Kurs, in Überbetonung der individuellen Freiheit. Der Andere, die Andere wird übersehen. Geschwisterlichkeit als zwischenmenschlicher Impuls erbringt kaum durch Zahlen und Buchhaltungen messbare gesellschaftliche Leistungen und Erfolge. Darum wird dieser Wert heute so gerne totgeschwiegen. 

Solidarität ist die Vorstellung des sich gegenseitig-Aushelfens. Der demokratische Rechtstaat hat dieses Prinzip aufgegriffen und versucht, mit Sozialversicherungen und Sozialhilfe einen Ausgleich zu verwirklichen. Wir wissen, dass dieses soziale Anliegen seit Jahrzehnten immer stärker unter Druck steht. Über solche Bedrohungen und Prozesse gilt es, die Öffentlichkeit mit Recherchen und Analysen aufzuklären. Unser Mittel ist der unabhängige Journalismus. 

Soziale Distanz beseitigen 

Chancengleichheit bedeutet auch, die soziale Distanz zu beseitigen. Barrierefreiheit wäre auch in übertragenem Sinn zu gewährleisten. Künstliche Barrieren entstehen im Feld der Sozialpolitik allzu leicht – und gedankenlos. Drei Gefahren seien genannt: 

Der Ökonomismus: Verzicht auf ein politisches Wollen. Das öffentliche Wohl wird zu einer reinen Buchhaltung degradiert. Die Sozialpolitik und soziale Unternehmensziele verkommen zu einem Sparprogramm. 

Der Digitalismus: Was früher Aktenberge aus Papier waren, sind heute neue digitale Programme, in welche soziale Prozesse zu einer rein virtuellen neuen Wirklichkeit verfestigt werden. Doch gilt es vorerst, den digitalen Graben zwischen ausgebildeten IT-UserInnen und noch nicht gebildeten und daher benachteiligten Nicht-UserInnen aufzuschütten. Chancengleichheit auch hierin fördern, ganz unten in der Gesellschaft. 

Der Akademismus: Erkenntnisse der Wissenschaft können der Sozialpolitik sehr wohl dienen und sind stets willkommen. Soziale Prozesse und Selbsthilfegruppen sollten jedoch nicht zum Ersatz für universitäre Übungen und neue wissenschaftliche Untersuchungen benutzt werden. Die Benachteiligten sind Menschen, Subjekte, nicht bloss statistisches Material, keine Objekte für Untersuchungen ohne positive gesellschaftliche Folgen.

Benachteiligte haben oft keine Stimme. Wie können sie sich in Hälfte/Moitié vermehrt ausdrücken, anstatt medial und gesellschaftlich verdrängt zu werden? Sie sind bei uns stets willkommen, auch um sich zu outen. Erwähnung zu finden bedeutet eine wichtige soziale Hilfe. Die Benachteiligte bedürfen der gesellschaftlichen Anerkennung. 

Es besteht die Möglichkeit der Zuwendung, des Supports: Aus der Sicht der Betroffenen zu schreiben, mit ihnen Kontakte pflegen, Interviews zu führen, Porträts zu verfassen. Den Benachteiligten zu dienen und sie nicht zu Selbstzwecken zu missbrauchen, das ist das Ziel des Mediendienstes Hälfte / Moitié zur Arbeit und Erwerbslosigkeit. 

Siehe auch:

http://www.haelfte.ch/index.php/newsletter-reader/items/Zukunft_Haelfte_Moiti%C3%A9.html

 

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