Jugendarmut

Sandra Zumbrunn

«Für hier in der Schweiz bin ich schon ein bisschen arm»

Das Portrait eines Jugendlichen zeigt, dass Armut auch junge Menschen betrifft. Welche Ausgangslage hat ein Jugendlicher, wenn er unter sozial schwierigen Bedingungen aufwächst? Welche Perspektiven bietet ihm das Leben? S. ist 19-jährig und erzählt mir von seiner Vergangenheit, seiner Gegenwart und spricht über seine Wünsche für die Zukunft.

Die Vergangenheit

Mein Gespräch mit S. findet in einem Jugendtreff im Kanton Bern statt. Auf mich wartet ein junger, 19-jähriger Mann mit vielen Piercings und Tattoos, aber auch mit traurigen braunen Augen, die schon zu viel gesehen haben. Offen erzählt er mir aus seinem Leben.

«Also, ich war sehr lange im Heim, 7 Jahre. Mit den Eltern hatte ich es nie gut. Meinen Vater kenne ich eigentlich gar nicht. Meine Mutter, auch mit ihr hatte ich es nie richtig gut. Es ist halt nie schön gelaufen, ich konnte nie Kind sein, so gesagt. Ich musste schon mit 12 selbstständig schauen, wie ich durchkomme. Meine Mutter war in der psychiatrischen Klinik und ich habe in dieser Zeit alleine gewohnt. 2 Jahre lang eigentlich. Musste einfach selber schauen, das ist schon hart. Ihr Ex-Freund hat mich 4 Jahre lang verprügelt. Das war wirklich nicht schön, gar nicht schön. Grossvater ist an Krebs gestorben. Das hat mich sehr mitgenommen. Er war ein Vaterersatz für mich. Ja, es ist einfach schade. Immer die Guten nimmt es. Das ist schon schade.»

Mir ist klar, dass S. nicht nur unter materiell schwierigen Umständen gross geworden ist, sondern dass er nie einen emotionalen Rückhalt und ein wirkliches Zuhause erleben durfte. S. erzählt mir, dass er sich für eine Weile in die Drogen flüchtete.

Die Gegenwart

Heute macht S. eine Lehre als Strassenbauer. Er wohnt in einem Studio und bald beginnt das zweite Lehrjahr. Mit seinem Lehrlingslohn, den Kinderzulagen und den, von der Gemeinde bevorschussten Alimenten liegt sein Einkommen 50 Franken über dem Existenzminimum. Nebst der Tatsache, dass das sehr wenig ist, muss auch berücksichtigt werden, dass S. nie gelernt hat, wie man Geld einteilt und damit umgeht.

«Also geldmässig mit Wohnung und all dem ganzen Zeug, wenn du jeden Rappen umdrehen musst, das ist einfach nicht lustig. Dann hast du schon nach der zweiten Woche nichts mehr zu essen und bist halb am Verhungern. Wochenlang, monatelang (…)
Und ich habe schon fünf Mal für ein GA gefragt, wegen der Arbeit. Ich kann mir ja nicht einmal ein Billett kaufen für den Arbeitsweg. Ich muss jeden Tag schwarzfahren. Das ist auch so etwas. Dann kommt wieder eine Busse. Und das willst du eigentlich auch nicht. Aber du hast ja einfach keine andere Wahl. Ich erhalte nichts, gar nichts. Das ist ein Scheissdreck. Das ist Scheisse. Immer hoffen, dass kein Kontrolleur im Zug ist. Ich muss nur nach Bern, das geht ja noch, aber es ist trotzdem immer ein Risiko.»

Nebst der Tatsache, dass das Leben mit dem Existenzminimum den Alltag erschwert, gehört auch soziale Isolation dazu. Die gleichaltrigen Kollegen wohnen noch bei den Eltern und haben viel mehr Geld für Ferien und Freizeit zur Verfügung. Da ist es unmöglich mitzuhalten.

«Meine schwierigsten Tage, was soll ich sagen. Wenn ich Ferien habe und niemand ruft mich an und niemand ist da. Keine Ahnung. Ich brauche immer jemanden mit dem ich reden kann. Ich will nicht immer alleine sein. Das scheisst mich an. (…)
Oder mit deinen Kollegen in den Ausgang. Das kann ich nicht. Das kann ich alles nicht. Ich war jetzt 2 Jahre nicht mehr im Ausgang. Und das ist halt schon schade. In diesen jungen Jahren sollte man sich ausleben, so gesagt, unter die Leute gehen. Das kann ich nicht.»

Die Zukunft

Was wünscht sich ein junger Mann mit einer traurigen Vergangenheit und einer schwierigen Gegenwart?

«Ich will meinen Lehrabschluss. Das ist mir schon wichtig. Ich will noch etwas aus meinem Leben machen und etwas erreichen, nicht so wie meine Mutter. Ich will eine Familie, ich will für mein Kind da sein. Zu ihm schauen und es nicht ins Heim schicken. Das macht alles noch viel schlimmer (….)
Und ja, ich möchte Snowboardlehrer werden. Weil früher bin ich Snowboard gefahren. Auch Rennen, früher. Aber da konnte mich auch niemand mehr unterstützen. Weil ich dann im Heim war. An dem hätte ich auch Freude. Und vielleicht auswandern, das wäre etwas. Nach Australien oder Neuseeland. Das sind die zwei Länder, wo ich mich noch entscheiden muss.
Du gehst dort schon auch arbeiten. Aber nicht zu Tode krüppeln. Und das ist hier anders. Hier arbeitest du nur, um Rechnungen zu bezahlen, dass du leben kannst. Mehr nicht mehr. In einem anderen Land musst du sicher auch schauen, das ist klar. Ich denke, du bist dort in diesem Land auch freier, ja. Mit einer guten Ausbildung hast du gute Voraussetzungen. Einfach in anderen Ländern arbeiten und schauen, was mich interessiert. Ich würde gerne im Tunnelbau oder Brückenbau arbeiten. Oder nach Öl bohren. Auf einer Ölplattform wäre es sicher auch mega interessant. Ja, das würde ich auch gerne sehen. Und reisen.»

Ich wünsche ihm, dass möglichst viele seiner Zukunftswünsche in Erfüllung gehen.
Meinen Respekt für einen jungen Mann, der unter schwierigen Umständen versucht, die Gegenwart zu meistern und sich eine Zukunft aufzubauen. Und meinen Dank an seinen Mut, offen und ehrlich über sein Leben zu sprechen!

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