Jugendarmut

Sandra Zumbrunn

«Aus Schamgefühl will man nicht, dass die anderen merken, dass man arm ist»

Ist eine Familie von Armut betroffen, stellt das nicht nur die Eltern vor Probleme, sondern hat auch einen Einfluss auf ihre Kinder. Was bedeutet es für Kinder und Jugendliche aus einer sozial schwächeren Familie zu kommen? Wird ihnen die Armut «vererbt»? Ein Gespräch mit Roger Spielmann, Mitarbeiter der Kinder- und Jugendfachstelle Aaretal.

Roger Spielmann erklärt gleich zu Beginn des Gesprächs, dass sie bei der Kinder- und Jugendfachstelle offen für alle sein wollen, unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Religion. Deshalb sind sehr viele Angebote bei ihnen gratis oder sehr kostengünstig. Eine Teilnahme an einem Projekt soll nie am Geld scheitern, notfalls werden den Jugendlichen die Kosten sogar auch einmal erlassen. Trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass unter den Jugendlichen Geld ein wichtiges Thema ist. Viele Freizeitaktivitäten kosten Geld und ein Handy möchte jeder haben. Für einen Abend in einem Club rechnen die Jugendlichen mit Kosten um die 50 Franken. Sehr viel, wenn man von zuhause kaum Taschengeld erhält oder der eigene Lehrlingslohn fürs Familienbudget benötigt wird. Jugendliche geben ungern zu, dass sie nicht mit in den Ausgang kommen, weil sie zu wenig Geld haben. Es werden dann eher ausweichende Formulierungen oder Ausreden verwendet. Denn für viele ist es wichtig dazuzugehören und kein Aussenseiter zu sein.

Auch den Statussymbolen kommt eine grosse Bedeutung zu. Da ist beispielsweise das richtige Handy mit der richtigen Hülle oder bei jungen Erwachsenen das Auto wichtig. Auch in dieser Beziehung empfinden die Jugendlichen ein Gefühl von Ausgrenzung, wenn sie nicht mithalten können. Roger Spielmann erzählt von einer Gruppe Jugendlicher, die davon geträumt haben ein Auto zu besitzen. Heute haben dieses Ziel alle erreicht und treffen sich in ihrer Freizeit jeweils mit ihren Autos auf einem Parkplatz. Dafür wohnen diese jungen Männer alle noch zuhause und verzichten sonst auf vieles. Doch was wird, wenn sie eine eigene Wohnung wollen? Wenn grössere Fixkosten zu ihrem Budget gehören? Müssen sie dann auf das erträumte Auto verzichten oder landen sie in der Schuldenfalle?

Direkte Gespräche zum Thema Geld führt Roger Spielmann mit Jugendlichen vor allem dann, wenn ältere Jugendliche über 18 zu ihm kommen, weil sie verschuldet sind und selbst keinen Ausweg mehr sehen. Ist die Situation noch nicht so gravierend, kann die Kinder- und Jugendfachstelle den Jugendlichen bei der Bewältigung helfen. Sonst hilft man ihnen eine Fachstelle, wie beispielsweise eine Budgetberatung oder eine Schuldenberatung, zu kontaktieren. Die Frage, ob sich Jugendliche aus sozial schwächeren Familien eher verschulden als Jugendliche aus einem solventeren Elternhaus, kann er nicht beantworten. Übernehmen finanziell besser gestellte Eltern die Schulden ihrer Kinder oder haben diese besser gelernt mit Geld umzugehen? Diese Frage führt dann auch zur Folgefrage, ob Armut «vererbt wird».

Roger Spielmann spricht davon, dass ihm der Teufelskreis der Armut in seinem Arbeitsalltag begegnet. Er erzählt von Jugendlichen, die während ihrer Ausbildung einen grossen Teil ihres Lehrlingslohns ans Familienbudget beisteuern müssen und somit keine Ersparnisse haben, wenn sie einmal ausziehen. Dann besteht schon beim Start in ein selbständiges Leben die Gefahr der Verschuldung. Er sagt, dass oftmals finanziell schwache Familien auch bildungsschwach sind. Das heisst man erwägt für seine Kinder höchstens eine Lehre, aber eine höhere Ausbildung, beispielsweise am Gymnasium, liegt ausserhalb der Möglichkeiten. Dies vielleicht, weil man solche Ausbildungswege gar nicht genau kennt. Oder einfach, weil eine Lehre von Anfang an ein kleines Einkommen bedeutet und die Familie darauf angewiesen ist. Für Roger Spielmann ist das wie ein geschlossenes System, aus dem es schwierig auszubrechen ist. Generell scheint es schon so, dass das Leben den Jugendlichen aus sozial schwachen Familien weniger Perspektiven und Möglichkeiten bietet. Aber er betont auch ausdrücklich, dass er immer wieder Ausnahmen erlebt!

Roger Spielmann hat den Eindruck, dass die Jugendlichen alles erleben und nichts verpassen möchten. Dafür muss auch das Smartphone immer eingeschaltet sein. Und er empfindet es als schwierig einen verbindlichen Termin mit ihnen auszumachen. Sie legen sich ungern fest, denn es könnte sich ja jederzeit eine noch interessantere Möglichkeit bieten. Das erzeugt einen enormen Druck. Dazu kommt der Leistungsdruck in der Schule oder Ausbildung, der Druck die richtigen Statussymbole zu besitzen oder der Druck Teil der richtigen Kreise zu sein. Für die Jugendlichen entsteht dabei schnell das Bedürfnis, am Wochenende dem Alltag zu entfliehen. Und damit verbunden ist bei der heutigen Generation oftmals das Konsumieren von Alkohol oder anderen Suchtmitteln. Auch dies erfordert einen gewissen finanziellen Spielraum. Deshalb erliegen einige dann auch der Versuchung ihr Taschengeld mit dem Handel von illegalen Substanzen aufzubessern.

Wie sehr Kinder und Jugendliche unter Druck stehen, zeigt auch ein Artikel im Blick vom 8. Februar 2016. Dort wird berichtet, dass die Anrufe beim Sorgentelefon in der Schweiz um 66% zugenommen haben. Und immer häufiger sei der Grund die Arbeitslosigkeit der Eltern oder die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust von Mutter oder Vater.

Armut ist auf jeden Fall eine Belastung, sowohl für Erwachsene als auch für Jugendliche. Und wie Roger Spielmann sagt: «Aus Schamgefühl will man nicht, dass die anderen merken, dass man arm ist. Plötzlich wird man dafür gemobbt oder ausgeschlossen. Da schützt man sich lieber und schaut, dass gegen aussen ein heiles Bild bewahrt wird».

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