Kampf gegen die Armut mit Nachholbildung

Paul Ignaz Vogel

Illettrismus

Zwei Gruppen von benachteiligten Menschen in der Schweiz überschneiden sich teilweise: Es sind die Armutsbetroffenen und die Menschen, die nie richtig lesen und schreiben konnten (Illettrismus) Mit dem neuen Weiterbildungsgesetz wird ab 2017 eine strukturelle Verbesserung gegen die Bildungsarmut möglich

Agnes Michel wuchs als Schlüsselkind auf. Der Vater war Alkoholiker und die Mutter oft tagsüber wegen Lohnarbeit von zu Hause abwesend. „Als ich aus der obligatorischen Schule kam, wurde ich schwanger und musste nachher in der Fabrik arbeiten“, sagt Agnes im Film „Boggsen“ von Jürg Neuenschwander (http://www.boggsen.ch) „Ich hatte nach der Geburt meines Kindes nur ein Ziel, ihm nämlich zu essen zu geben – und nicht zu lesen und zu schreiben“, meint Agnes. Sie wurde in ihrem späteren Berufsleben stets von Existenzängsten geplagt, weil sie im Lesen und Schreiben ungenügend war. Was sollte sie tun, wenn sie die Stelle verlieren würde? Denn sie besass kein Abschlussdiplom. Und dann würde es schlimmer sein als am Anfang ihrer mühsam errungenen beruflichen Position.  

Digitale Wende und soziale Behinderung durch Bildungs-Defizite

Als um das Jahr 2005 die Computerisierung einsetzte, fühlte sich Agnes am Arbeitsplatz wie verloren. Doch sie wagte den entscheidenden Schritt, ergriff die Chance zur Nachholbildung und meldete sich bei einem Lese- und Schreib-Kurs an. Ihr langatmiges Nachholen der schulischen Wissenslücken lohnte sich. Heute ist sie Bibliotheksmitarbeiterin. Sie sagt: „Dank dem, dass ich schreiben kann, bin ich jemand in der Gesellschaft. Ich muss dran bleiben und weiter so arbeiten.“

Agnes hat Glück gehabt und die digitale Wende gerade noch geschafft. Nach dem Jahre 2000 hatte auch in der Schweiz die Digitalisierung der Arbeitswelt vollauf eingesetzt. Zur primären Barriere des Lesens und des Schreibens gesellte sich somit eine zusätzliche Schwelle: Nämlich das digitale Handling, das auf der Grundkompetenz des Lesen- und Schreiben-Könnens aufbaut. Wie soll jemand, der oder die schlecht, kaum oder gar nicht lesen und schreiben kann, korrekt einen Computer bedienen? Erfassen eines Textes, eintippen, vertippen, digitale Befehle in Wortform richtig schreiben? Codes eingeben? Gewiss gibt es Korrekturprogramme, aber diese lösen nur teilweise Probleme der richtigen Texterfassung.

Illettrismus wie Armut ein Tabuthema

Es gibt erschreckende Zahlen: Rund 800‘000 Personen in der Schweiz können nicht richtig lesen und schreiben. Wir nennen dieses gesellschaftliche Problem Illettrismus. Betroffen sind Menschen mit Schulschwäche, aber auch solche, die nach Schluss der obligatorischen Schule die Fähigkeit des Lesens und Schreibens nicht mehr anwenden mussten. Solche Defizite treten öfters bei Frauen auf, die nach der Schule Mutter werden und ihre Alltagsarbeit in familiärer Betreuung vollbringen. Wie die Armut ist auch das Defizit des ungenügend Lesen- und Schreiben-Könnens Gegenstand von Scham und Verstecken. Es gibt zahlreiche Strategien dazu, um sich über Jahre hinaus unentdeckt durchzumausern. Dazu gehören Verhaltensformen wie der Abtausch von Lese-und Schreibearbeiten, eine eingebundene Hand zur Vortäuschung einer Verletzung, die Behauptung, die Brille sei vergessen worden etc. Durch Illettrismus entsteht für die betroffenen Menschen ein enormer Leidensdruck, der nur durch ein Coming-out vor Vertrauenspersonen durchbrochen werden kann. Dann erst ergibt sich ein vernünftiges Verhalten: Die von Illettrismus betroffene Person meldet sich mutig zu einer effizienten Nachhol-Schulung an, zum Beispiel beim Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben (www.lesenschreiben.ch) Verein Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz www.lesenschreiben-d.ch, Telefon 0840 47 47 47.

Ökonomische Armut und Illettrismus sind verbunden

Was war zuerst: das Huhn oder das Ei? Zuerst die ökonomische Armut, dann der Illettrismus? Oder umgekehrt? Es stellt sich die Frage, ob ein Bevölkerungsteil der IlletristInnen weitgehend deckungsgleich ist mit einem Teil, der unter Armut leidet. Die Stiftung für Alphabetisierung und Grundbildung Schweiz, SAGS, meint heute: „Ob die Betroffenen grundsätzlich auch in Armut oder an der Schwelle zur Armut leben, können wir in dem Sinne nicht beantworten, da uns dazu eine neuere entsprechende Erhebung fehlt.“

Die SAGS weist auf eine veraltete Studie hin, welche das Büro BASS im Auftrag des Bundesamtes für Statistik zu den volkswirtschaftlichen Kosten der Leseschwäche in der Schweiz 2007 aufgrund von Zahlen aus dem 2003 veröffentlichte. Damals lagen noch nicht die ausführlichen Statistiken zu den Sozialhilfen in den Kantonen vor. Es konnten nur Daten der eidgenössischen Arbeitslosenversicherung verarbeitet werden. Hier einige bedeutende Fakten als Hinweise zur heutigen Situation:

  • Leserschwäche kann zu einem tieferen Erwerbseinkommen führen und den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren.
  • Ausbildungsniveau und Berufsstatus der Eltern schlagen stark durch und deuten auf eine soziale Vererbung der Leseschwäche hin.
  • Die Leseschwachen sind schlechter ausgebildet und in Tieflohnbereichen tätig.
  •  Migration und fehlende Sprachkenntnisse bedingen Leseschwäche.
  • Für Personen, die Arbeitslosentaggelder beziehen, ist die Arbeitslosenquote bei Leseschwachen dreimal höher als bei Personen, die gut lesen und schreiben können.
  • Im Fall der Arbeitslosenversicherung konnte aufgrund der Zahlen von 2003 höhere Ausgaben im System der sozialen Sicherheit nachgewiesen werden: Bei der Sozialhilfe war dies wegen der damals noch fehlender Datenbasis nicht möglich.

Das Fazit der Studie vom Büro BASS: „Es braucht für Tieferqualifizierte im Erwerbsalter zugängliche Ausbildungsgänge und die finanzielle Unterstützung, die es ihnen erlaubt, einen Lehrabschluss oder Ähnliches nachzuholen. Das wäre wohl noch immer günstiger als wiederholte Phasen von Arbeitslosigkeit zu finanzieren.“

Das Bundesamt für Kultur (BAK) sieht heute im Jahr 2016 die Ursachen des Illettrismus „sowohl in der  Biographie des Einzelnen als auch in den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.“ Zur BASS-Studie schreibt das BAK: „Ökonomische Armut der betroffenen Personen und Illettrismus sind sicher verbunden.“

Fortschrittliche Gesetzgebung gegen Bildungsarmut

In aller Stille konnten in den verflossenen zehn Jahren eine fortschrittliche eidgenössische Gesetzgebungsarbeit vollzogen werden. Im Jahre 2006 hatten Volk und Stände einhellig Ja zu den neuen Verfassungsbestimmungen zur Bildung gesagt. Daraus entstand das neue Weiterbildungsgesetz, das nun am 1. Januar 2017 mit einer entsprechenden Verordnung in Kraft treten soll.

Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) hielt in ihrer Vernehmlassung zum neuen Weiterbildungsgesetz fest: „Die gesetzliche Verankerung der Weiterbildung und die zentrale Behandlung der Grundkompetenzen sind wichtige Massnahmen zur Verminderung von Armutsrisiken und sozialem Ausschluss.“

Eine verbindliche Nachholbildung sieht das neue Weiterbildungsgesetz in Artikel 13 vor: Die Grundkompetenzen von Erwachsenen in Lesen und Schreiben, Rechnen und im digitalen Handling sollen vom Bund praxisnah und finanziell unterstützt werden.

Etwa 30% der Personen, die nur über einen obligatorischen Schulabschluss verfügen, gehören zur Gruppe der IlletristInnen. Davon geht das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation  im Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) heute aus.  

Im Bereich der Nachholbildung plant der Bund ab 2017 Finanzhilfen an die Kantone zur Förderung des Erwerbs und des Erhaltes von Grundkompetenzen der Erwachsenen. Verschiedene Kantone sind zudem laut Auskünften des Bundes daran, eine Sensibilisierungskampagne zu entwickeln.

Vor Inkrafttreten des neuen Weiterbildungsgesetzes soll eine neue Helpline, das Alfa-Telefon Schweiz (Projekt der Stiftung für Alphabetisierung und Grundbildung Schweiz SAGS) bereits ab November 2016 mit Informationen und Beratung helfen. Das Bundesamt für Sozialversicherungen unterstützt dieses Projekt im Rahmen des Nationalen Programmes gegen Armut.

Auch Gewerbe von Illettrismus betroffen

Für Tieflohn-LohnbezügerInnen und Stellenlose wären im Falle von Illettrismus Ansprechspartnerinnen die Gewerkschaften und ihre Weiterbildungsorganisation MOVENDO. Doch die Interessenwahrung der Benachteiligten sollte gesellschaftlich möglichst breit abgestützt werden. Um für unsere Zukunft eine strukturelle Armutsbekämpfung aufzubauen, die über die ökonomische Soforthilfe hinaus geht, gilt das Augenmerk auch dem Klein- und Kleinstgewerbe. Dort kommen Einpersonen- oder kleinste Familienbetriebe nicht über die Runden und fallieren. Im Buch „Der Falschschreiber“ (Verlag SAGS) wird das Schicksal eines Kleinunternehmers in den Wirrnissen der Lese- und Schreibdefizite eindrücklich beschrieben.

Sowohl das gewerkschaftliche SGB-Bildungsinstitut MOVENDO als auch den Schweizerischen Gewerbeverband hatte ich um eine Stellungnahme zum Phänomen des Illettrismus gebeten. Bis zur Veröffentlichung des vorliegenden Textes lagen noch keine Antworten vor. Ich hoffe, dass diese später noch eintreffen werden - angesichts des öffentlichen Wohls und der Benachteiligten in der Gesellschaft, um die es geht.

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Zusätzliche Infos

Rechtslage in Sachen Illettrismus:

https://www.admin.ch/opc/de/official-compilation/2015/5613.pdf

 https://www.admin.ch/opc/de/official-compilation/2016/689.pdf

 https://www.admin.ch/opc/de/official-compilation/2016/713.pdf

Der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben hat – zusammen mit dem Schweizerischen Verband für Weiterbildung SVEB und dem Verband der Schweizerischen Volkshochschulen VSV – mit dem Bund einen Leistungsvertrag zur Bekämpfung des Illettrismus abgeschlossen:

http://www.bak.admin.ch/kulturschaffen/04250/04253/index.html?lang=de

Seit 2009 führt der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben durch seine regionalen Vereine Sensibilisierungsveranstaltungen für Institutionen, Firmen etc. durch. Gegenwärtig arbeitet er mit der Interkantonalen Konferenz für Weiterbildung (IWK) zusammen am Projekt Marketinginstrumente Grundkompetenzen. Hintergrund des Projektes ist es, mit der Einführung des Weiterbildungsgesetzes Bundes-Gelder für die Bekämpfung des Illettrismus direkt an die Kantone auszahlen zu können.

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