Kinderarmut in der reichen Schweiz

Branka Goldstein, IG Sozialhilfe

Kinderarmut

Mitten in der Wohlstandgesellschaft leben viele armutsbetroffene Kinder. Sie erleiden täglich Entbehrungen – Armut grenzt die Kinder aus und diskriminiert sie. Der Spardruck im Sozialen und in der Bildung verbaut ihnen Teilhabe am Wohlstand. Ihre Chancen auf persönliche Entfaltung und gute Berufsausbildung sind gering.

Das alltägliche Nein

„Nein, immer wieder nein“, das ist eigentlich das einzige, was ich meiner 13-jährigen Tochter jeden Tag sagen muss, erzählt mir verzweifelt eine alleinerziehende Mutter: „Einmal wollte sie mit ihren Freundinnen in die Stadt fahren, ein anderes Mal zum Coiffeur, dann Sackgeld für das Dorffest, in den Tanzkurs, dann wieder Schlittschuhlaufen. In den Sommerferien wollte sie mit mir Ausflüge machen, an Ausstellungen, die hohen Berge sehen. Wer sollte die Billette bezahlen? Auf mein Nein hin, es sei zu teuer, war ihre Antwort, das sei ungerecht, die anderen dürften dies auch. Ich weiss nicht mehr, was tun. Sie glaubt, ich möge es ihr nicht gönnen. Und stellen Sie sich vor: Zu Weihnachten wünscht sie sich ein Smartphone. Soll ich Schulden machen?“

Das Leid hinter den Statistiken

Armutsbetroffenen Kinder bleibt durch die minimalen Sozialhilfegelder ein normaler Alltag verwehrt. In zartem Alter erleiden sie die soziale Ungerechtigkeit. Sie streiten wegen der erlittenen Ungerechtigkeit mit den Eltern und die Eltern fühlen sich schlecht und ohnmächtig. Oft gibt es Probleme bei Einladungen an Kindergeburtstage: Das Geschenk, das Kinder heute üblicherweise mitbringen, kostet rund Fr. 20.- und kann nicht finanziert werden. Oft ziehen sie sich zurück, weil sie nicht mit leeren Händen gehen wollen. Leider übernimmt die Sozialhilfe meist auch keine Kosten für Sport, sodass die Teilnahme in Sportvereinen verhindert wird. Auf diese Weise wird einmal mehr eine Integrationschance verpasst! Viele armutsbetroffene Kinder bräuchten in der Primarschulzeit dringend fördernden persönlichen Nachhilfeunterricht. Doch dafür hat weder das Schulamt noch die Sozialhilfe Gehör.

Armut in der Schweiz ist stark bildungsabhängig. So verfügen nur etwa 6% der Sozialhilfebeziehenden über einen Universitätsabschluss oder eine höhere Fachausbildung, während gut 57% über keine berufliche Ausbildung verfügen (Caritas, 2011). 1) Die absolute Armutsgrenze orientiert sich an den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, SKOS. Im Jahre 2012 betrug die Armutsgrenze rund 2200 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 4050 pro Monat für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern. 2)

Gemäss der 2013 veröffentlichten UNICEF Innocenti Report Card 11 ist rund jedes 10. Kind in der Schweiz (9.4%) von relativer Armut betroffen. Als relativ arm gelten Personen, die in einem Haushalt leben und aufwachsen, dessen verfügbares Einkommen unter 50% des nationalen Einkommens liegt. Zur Berechnung der relativen Armut werden die Daten des Schweizerischen Haushaltspanels verwendet, das auf einer Zufallsstichprobe von 5074 Haushalten aus der ständigen Wohnbevölkerung basiert. Personen im Asylprozess, die seit weniger als 12 Monate in der Schweiz leben, werden dabei nicht mitberücksichtigt. Dasselbe gilt auch für illegalisierte Kinder. Es muss somit davon ausgegangen werden, dass die relative Kinderarmut in der Schweiz noch grösser ist als von UNICEF berechnet.

Je tiefer die Armutsgrenze aus politischen Gründen angesetzt wird, desto tiefer ist die statistisch ausgewiesene Anzahl Armutsbetroffener. So setzt beispielsweise die EU die relative Armutsgrenze nicht wie die Schweiz bei 50%, sondern bei 60% des nationalen Medianeinkommens an. Nach EU-Definition wäre in der Schweiz also mehr als jedes 10. Kind von Armut betroffen. Auch die Definition von absoluter Armut, die sich wie oben erwähnt am von der SKOS festgelegten Existenzminimum orientiert, unterliegt politischer Willkür. Da sich die Leistungen der Sozialhilfe in der Schweiz am SKOS-Existenzminimum orientieren, gelten Sozialhilfebeziehende nicht als armutsbetroffen – es sei denn, das Sozialamt kürze die Leistungen. Die in diesem Artikel verwendeten Beispiele von Kinderarmut betreffen Kinder von Sozialhilfebezügerinnen,  die von der IG Sozialhilfe unterstützt wurden.

Familienferien

Ein grosser Wunsch der Kinder sind Familienferien, mit den Eltern zusammen zu sein, gemeinsam Schönes und Lehrreiches zu erleben. Doch dies ist meistens ein Wunschtraum, denn Geld für Ferien ist nicht vorhanden. Dazu gesellt sich der ständige Albtraum nach den Ferien in der Schule: Die anderen Kinder berichten, was sie mit den Eltern erlebt haben, vom Sport, vom Reisen, vom Neuen das sie gesehen haben. Ferien haben in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert, Erholung von der Arbeit ist sogar ein Menschenrecht.

Mangelndes Weltwissen

Ein wichtiger Teil von Bildung sind lehrreiche Freizeitaktivitäten der Kinder. Sind sie davon ausgeschlossen, fehlt ihnen ein beträchtlicher Teil von Weltwissen. Je älter die Kinder werden, desto mehr zeigt sich dies auch in den schulischen Leistungen. So staunte ich nicht schlecht, als ich einer armutsbetroffenen Mutter und ihren Söhnen vorschlug, eine kleine Schifffahrt auf einem See in der Nähe miteinander zu machen. Alle drei schauten mich völlig entsetzt an. „Aber das kostet doch viel Geld!“ Wir gingen auf Kosten der IG Sozialhilfe aufs Schiff. Die Jungs waren zunächst ängstlich, dann begeistert. Doch es zeigte sich, dass den beiden Mittelstufenschülern der gesamte Wortschatz rund um das Schifffahren fehlte und wir lernten unterwegs viel.

Armutsbetroffene Kinder haben wenig Perspektive, weil sie das Unglück hatten, in eine armutsbetroffene Familie geboren zu werden. Diese lebensprägende soziale Ungerechtigkeit in der heutigen reichen Schweiz ist eine Schande. Zudem hat die Konferenz der Sozialdirektoren beschlossen, ab diesem Jahr die Beiträge für Kinderreiche Familien und junge Erwachsene zu reduzieren.

1 Caritas (2011). Ein Bildungspaket gegen Armut Die Position der Caritas zur Rolle der Bildungspolitik in der Armutsprävention. Caritas-Positionspapier, Juli 2011.

2 http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/20/03/blank/key/07/01.html

IG Sozialhilfe, Postfach 1566, 8032 Zürich, PC 80-47672-7.

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Nachtrag von Hälfte/Moitié zum Thema Kinderarmut

Am 24.11.2016 publizierte Hälfte / Moitié eine Medienmitteilung des Bundesamtes für Statistik (BFS) vom 18.11.2016 zum Thema „Armut und materielle Entbehrung von Kindern in der Schweiz“, in der unter anderem festgestellt wird: „ In der Schweiz war 2014 jedes 20. Kind von Einkommensarmut betroffen und jedes sechste Kind armutsgefährdet.

Siehe:

http://www.haelfte.ch/index.php/newsletter-reader/items/armut-und-materielle-entbehrung-von-kindern-in-der-schweiz.html

Branka Goldstein, Präsidentin der IG Sozialhilfe in Zürich, schrieb uns darauf:

Liebe Redaktion,

Es ist mir unverständlich, dass Ihr schreibt, jedes 20. Kind sei armutsbetroffen! Leider ist die Zahl jedes 10. Kind, gemäss UNICEF. Die Armutsgrenze sinkt und sinkt, was zur Folge hat, dass immer weniger angegeben wird. Die Realität ist, dass Kinder, deren Eltern von der Sozialhilfe leben, vermehrt noch seit der Revision 16/17 stark von Armut betroffen sind und entsprechend sehr grosse Defizite aufweisen. So erleben wir jetzt auch wieder bei Jugendlichen, dass es fast unmöglich ist, dass sie eine Lehrstelle finden, weil sie über viel zu wenig Schulwissen, Weltwissen und Sozialkompetenz verfügen. Ich finde es extrem wichtig, dass man die Statistiken hinterfragt. Siehe Leitartikel unserer Zeitung.

Mit solidarischen Grüssen, B.G.

Hier ist der von Branka Goldstein erwähnte Leitartikel aus dem Jahresheft 2016/2017 der IG Sozialhilfe:

http://ig-sozialhilfe.ch/wp-content/uploads/IGSozialhilfe2016-titel-und-ihalt-2.pdf

Es handelt sich um den oben stehenden Text, den wir für Hälfte / Moitié zur Wiedergabe an unsere LeserInnen übernehmen dürfen. Vielen Dank!

Paul Ignaz Vogel

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