Mehr als Selbstermächtigung: was die Debatte zum Grundeinkommen dringend nötig hat

Hälfte / Moitié

Hanna Ketterer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Jena, wirft einen Blick auf die Debatte zum Grundeinkommen – und entdeckt dabei blinde Flecken. Ein Gastbeitrag.

In den letzten Monaten schienen in der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen für die Schweiz zwei Fragen wesentlich: wie soll ein Grundeinkommen finanziert werden und was würde es verändern für die Person, die das Geld empfängt? Zwei Fragen, die mit der Gründung der Initiative 2012 brisant wurden, die immer wieder ins Zentrum der Öffentlichkeit drängten, und an denen sich heute die Debatte selbst aufzuhängen droht. Und das obwohl es mittlerweile, so wurde zuletzt an der GDI-Konferenz zur Zukunft der Arbeit Anfang Mai in internationalen Fachkreisen bestätigt, keineswegs an konkreten Finanzierungsmodellen – von Konsumsteuer über paritätische Ökosteuer hin zur Mikrotransaktionssteuer – mangelt. Und obschon der Eindruck überwiegt, die Frage „Was würdest du machen, wenn dein Einkommen gesichert wäre?“, die am Pfingstwochenende sogar auf der Plaine de Plainpalais im Herzen von Genf in Guinness Größe in aller Öffentlichkeit platziert wurde, wäre zumindest ausreichend exponiert worden.

Die Debatte (nicht nur in der Schweiz!) droht sich dennoch aufzuhängen: zum einen, weil Antworten nicht als solche und in ihrer Pluralität (an)erkannt werden, was wiederum mit den wahrgenommenen Risiken des „Experiment Grundeinkommen“ und mit dem vermeintlichen Widerspruch zwischen der Idee des Grundeinkommens als Leistung ohne Gegenleistung und unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis zu tun hat. Zum anderen, da Kontroversen entfacht sind, die keine Graustufen kennen, sondern durchwegs schwarz-weiß malen: sie führen Sozialstaatsexplosion und zentralstaatlichen Paternalismus gegen genuinen Bürgerstaat und Liberalismus an, Szenarien der Hängematte gegen Bilder vom Land, in dem Milch und Honig fließen. Solche Diskussionen verhindern, was Oswald Sigg schon mit Bloch als experimentelles Herantasten an eine konkrete Utopie wie dem Grundeinkommen bezeichnete. Jene Diskussionen fördern Schließung statt kreatives Denken und kritische Selbstreflexion, welche nach Bloch die Voraussetzung dafür ist, dass qualitativ Neues entstehen und in Bezug auf das real Mögliche abgewogen werden kann.

Was wird in der Debatte also genau verhindert? Ohne Frage der Blick auf das Ganze, d.h. auf Gesellschaft, die weit mehr ist als die einfache Summe ihrer Mitglieder, die heute bestimmte Vorstellungen davon haben mögen, was sie mit einem Grundeinkommen tun würden. Den Befunden von einer zu Beginn des Jahres veröffentlichten Studie von DemoSCOPE folgend bedeutete dies, dass die meisten Schweizer mit Grundeinkommen ihr Erwerbsarbeitspensum nicht reduzieren, gleichzeitig aber mehr Zeit für Familie, Freiwilligenarbeit und persönliche Weiterbildung verwenden würden. Es geht jedoch im Kontext des Grundeinkommens nicht bloß um die subjektiv intendierten Einzelhandlungen von Menschen (die Reliabilität der Befunde ist übrigens gering einzuschätzen), sondern vielmehr um die grundsätzliche Frage danach, wie sich gegenwärtige Erwerbsarbeitsgesellschaften veränderten als Folge der Transformation sowohl von Individuen als auch von gesellschaftlichen Strukturen und nicht zuletzt als Resultat der Wechselseitigkeit beider Transformationsprozesse. Im Speziellen geht es um die Frage nach den potentiellen Veränderungen der Organisation gesellschaftlich notwendiger Arbeit in Folge der Implementierung eines bedingungslosen Grundeinkommens, d.h. um die Frage wie bezahlte Arbeit (Erwerbsarbeit) und unbezahlte Arbeit (Pflege-, Sorge-, Erziehungs-, Haus- und Freiwilligenarbeit, Hobbies) gesamtgesellschaftlich verteilt, gestaltet und geleistet würde.

Eine solche Perspektive widersetzt sich der einseitigen Betonung des Grundeinkommens als einem Mittel zur Selbstermächtigung des Individuums bzw. der Ermächtigung zur individuellen Selbstbestimmung, wie sie zum Beispiel Philip Kovce in seinem Beitrag zum 1. Mai beim deutschen Kulturradio SWR2 entfaltet, obwohl er an einer Stelle seiner Überlegungen „individuelle Freiheit“ auch als „soziales Dilemma“ konstatiert. Es scheint mir aber gerade dieses Dilemma zu sein, mit dem sich die Öffentlichkeit und die Sozialwissenschaften stärker beschäftigen sollten: diskutiert werden muss, wie das Grundeinkommen Gesellschaft, anders gesagt, soziales Handeln oder die an bestimmten Werten orientierten Beziehungen der Menschen untereinander, verändert. Prinzipiell ermöglicht das Grundeinkommen zu tun und zu lassen, was einem persönlich beliebt. Doch diese Freiheit bleibt immer eingeschränkt zum einen durch das, was eine Gesellschaft für gut und richtig hält („Wird wertgeschätzt, dass ich wöchentlich 2 Tage Schach spiele, 2 Tage meinem Job nachgehe und 3 Tage Wochenende mache?“) und zum anderen ist sie abhängig vom Handeln der Mitmenschen („Vielleicht kann ich nicht 2 Tage wöchentlich Schach spielen, da der Müll im Quartier neuerdings gemeinschaftlich entsorgt werden muss, was einen ganzen Tag in Anspruch nimmt und meine Partnerin zudem ihrer schriftstellerischen Tätigkeit mehr Zeit widmen will?“). Neben der wechselseitigen Angewiesenheit, die für arbeitsteilige Gesellschaften konstitutiv ist, wird das Selbstermächtigungspotential des Grundeinkommens folglich erst in dem Maße von Individuen tatsächlich genutzt werden können, in welchem die Erwerbsarbeitszentrierung der Gegenwartsgesellschaft überwunden und sich ein alternatives gesellschaftliches Selbstverständnis sei es als Tätigkeitsgesellschaft, als Mußegesellschaft, als primär politische Gemeinschaft etc. durchsetzt. Eine Schlüsselrolle kommt in diesem Transformationsprozess, folgt man dem Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer, der Veränderung „mentaler Infrastrukturen“ zu, welche bedingen, dass nicht nur Volkswirtschaften sondern auch Menschen auf permanente Steigerung, Wachstum und Erlebniszugewinn aus sind. Gleichzeitig ist anzunehmen, dass der Abbau der Herrschaftsförmigkeit der Gesellschaft bzw. die größere soziale Gleichheit, die ein an alle ausgeschüttetes Grundeinkommen herstellen würde, eigene Dynamiken entwickeln kann. Der Blick nach Dänemark ist hier erhellend (vgl. Wilkinson & Pickett (2009)): wo soziale Ungleichheiten klein sind, erweisen sich Gesellschaften als gesünder, haben Menschen längere Lebenserwartungen, gibt es weniger soziale Probleme und höhere Recyclingraten usw.

Denkt man so über das Grundeinkommen nach, hat dies Konsequenzen für das, was ich eingangs als Organisation von gesellschaftlich notwendiger Arbeit bezeichnet habe. Denn: alle Mitglieder des Gemeinwesens, Frauen und Männer gleichermaßen, könnten sich folglich an allen Tätigkeiten (nicht nur an der Erwerbstätigkeit) beteiligen, auf die das Gemeinwesen notwendig angewiesen ist. Das Grundeinkommen würde es allen möglich machen, sich an der Sorgearbeit zu beteiligen, welche in den Lebensbereichen Familie, Bildung und Gesundheit unabdingbar ist und in Folge könnte, vorausgesetzt Sorgearbeit erführe insgesamt eine größere gesellschaftliche Anerkennung, eine regelrechte Care Revolution eintreten. Dasselbe gilt für die Demokratie bzw. das Engagement im Milizsystem und in anderen Feldern der Freiwilligenarbeit. Anzunehmen sind enorme Umwälzungen: Verschiebungen in der gesellschaftlichen Verteilung von unbezahlter Arbeit, in der Bewertung der Lebensbereiche jenseits des Markts, in der Art und Weise, wie soziale Dienstleistungen (privat, öffentlich, zivilgesellschaftlich, genossenschaftlich etc.) bereitgestellt werden und wie sich zum einen die Qualität der Erfahrungen der in den jeweiligen Bereichen Engagierten und zum anderen die Qualität der dort erbrachten Dienstleistungen verändert.

Über all diese Aspekte ließe sich jedoch bereits heute im Vorlauf der Abstimmung diskutieren. Verschiedene Szenarien könnten probeweise durchgespielt werden und wären dabei bereits ein erster Schritt ihrer konkreten Umsetzung. Sie würden kontrovers diskutiert werden, denn was individuell als sinnvoll erscheint muss keineswegs für eine Gesellschaft und deren Funktionsfähigkeit sinnvoll bzw. wünschenswert sein. Genau deshalb ist es dringend nötig, die einseitige Thematisierung individueller Wunschvorstellungen in einer hypothetischen Grundeinkommenswelt zu überwinden.

Zur Person

Hanna Ketterer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kolleg „Postwachstumsgesellschaften“ der Universität Jena. Sie studierte European Studies (BA) in Maastricht und Soziologie (MPhil) in Cambridge.
Bevor sie in Jena Ihre Promotion begann, war sie am Zentrum für Arbeits- und Organisationswissenschaften der ETH Zürich tätig, wo sie unter anderem eine Studie zu Gerechtigkeitseinstellungen und individuellen Positionen zum Bedingungslosen Grundeinkommen durchführte. Ihre Forschungsschwerpunkte sind
Grundeinkommen, Freiwilligenarbeit, Arbeitssoziologie und Gesellschaftstheorie.

Literatur

Bloch, Ernst (1985). Werkausgabe: Band 5: Das Prinzip Hoffnung. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
DemoSCOPE. (2016, Januar 25). Innovation Grundeinkommen: Die SchweizerInnen würden weiter arbeiten. Eine repräsentative Umfrage in der Schweiz zum bedingungslosen Grundeinkommen. Verfügbar unter: https://www.demoscope.ch/fileadmin/files/documents/BGE_Pressemitteilung_final.pdf
Gottlieb Duttweiler Institute (GDI). Konferenz zur Zukunft der Arbeit, 4. Mai 2016:
https://gdi.ch/de/Think-Tank/Veranstaltungen/Zukunft-der-Arbeit/231103_231106_2016050420160504/1
Kovce, Philip. Macht Geld faul? Das bedingungslose Grundeinkommen. SWR 2 Wissen Aula (1. Mai 2016). Verfügbar unter: http://www.grundeinkommen.ch/macht-geld-faul-das-bedingungslose-grundeinkommen/
Welzer, Harald (2011). Mentale Infrastrukturen: wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam. Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin.
Wilkinson, Richard & Pickett, Kate (2009). The spirit level. why more equal societies almost always do better, Bloomsbury Press, New York.
Winker, Gabriele (2015). Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. transcript, Bielefeld.

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