Menschenhandel und Arbeitsausbeutung

Jörg Eigenmann

Zur Maloche missbraucht

Auch in der Schweiz gibt es Menschenhandel zwecks Arbeitsausbeutung. Eine Studie zeigt die Hintergründe und Merkmale auf. Und sie fordert verstärkte Massnahmen zur Bekämpfung dieser Form des Menschenhandels.

Was haben der Roma-Bettler in der Einkaufsmeile von Lugano, die Hausangestellte in einem Genfer Villenquartier und der Eisenleger auf einer Züricher Grossbaustelle gemeinsam? Sie alle sind möglicherweise Opfer von Menschenhandel zwecks Arbeitsausbeutung.

Wenig erforscht

Weil diese Form des Menschenhandels wenig bekannt und dokumentiert ist, hat das Bundesamt für Polizei das Schweizerische Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien (SFM) der Universität Neuenburg beauftragt, eine Forschungsstudie zum Thema durchzuführen. Das SFM kommt zum Schluss, dass auch in der Schweiz Menschen um ihrer Arbeit willen ausgebeutet werden. Und: diese Ausbeutung kann im Kontext von Menschenhandel geschehen. «Der Verdacht auf Menschenhandel lässt sich indessen nur selten nachweisen», so das SFM, zumal «Opfer von Arbeitsausbeutung kaum bereit sind, über Missbräuche im Arbeitsverhältnis zu berichten».

Die mit qualitativen Methoden durchgeführte Studie belegt, dass vor allem im Hauswirtschaftsbereich, in der Hotellerie, der Gastronomie, im Baugewerbe und in der Landwirtschaft die Gefahr von Ausbeutung besteht. Von Arbeitsausbeutung ist dann die Rede, wenn die Arbeitskraft von Personen genutzt wird, ohne dass Gegenleistungen in angemessener Höhe erbracht oder menschenwürdige Arbeitsbedingungen garantiert werden. Solche Arbeitsverhältnisse sind meist durch massiven Zwang geprägt: der Drohung, den illegalen Aufenthalt auffliegen zu lassen oder der Einschränkung von Bewegungsfreiheit – mitunter gar durch physische Gewalt.

Verschiedene Fallbeispiele legen die Typologien der Ausbeutung frei: da ist etwa der Restaurantbesitzer, der indische und bengalische Studenten ohne Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung beschäftigt. Die Studenten müssen an allen Wochentagen über neun Stunden pro Tag arbeiten, haben keine Ruhe- oder Ferienzeiten – und das zu Monatsgehältern von 800 Franken. Als die Studenten Anzeige erstatten, kommt es zu einem gewalttätigen Übergriff des Arbeitgebers. Oder das brasilianisch-schweizerische Paar, das die Schwester der Ehefrau als Hausangestellte anwirbt. Bei deren Ankunft wird das Rückflugticket eingezogen. Von den vereinbarten 2000 Franken Lohn sieht das Hausmädchen ganze 100 Franken. Mit Drohungen wird die Ausgebeutete eingeschüchtert, ihre sozialen Kontakte und die Bewegungsfreiheit werden eingeschränkt.

Ungenügend verfolgt  

In nur gerade vier Fällen ist es bislang in der Schweiz zu einer Verurteilung wegen Menschenhandels zwecks Arbeitsausbeutung gekommen. Auch polizeiliche Ermittlungen oder strafrechtliche Untersuchungen gibt es nur in geringer Zahl. Deshalb fordern die Autorinnen der Studie verstärkte Anstrengungen im Kampf gegen diese Form des Menschenhandels. Dazu bedarf es aber eines geschärften Blicks auf das Phänomen und der verbesserten Koordination zwischen Sozialpartnern, Arbeitsmarkt- und Strafverfolgungsbehörden. Das Bundesamt für Polizei will die Ergebnisse der Studie bei einen neuen Aktionsplan gegen Menschenhandel berücksichtigen. Der Bundesrat wird nun darlegen müssen, ob die Studie mit quantitativen Daten ergänzt wird und ob eine Zusammenarbeit zwischen Arbeitsmarkt- und Strafverfolgungsbehörden geplant ist. Überdies soll er Stellung dazu nehmen, unter Einbezug welcher Akteure der Aktionsplan gegen Menschenhandel erarbeitet wird und ob ein internationaler Erfahrungsaustausch zu dieser Form des Menschenhandels geplant ist. Das hat die SP-Nationalrätin Yvonne Feri in einer Interpellation verlangt. 

SFM Studies #65d: Johanna Probst und Denise Efionayi-Mäder unter Mitarbeit von Dina Bader: «Arbeitsausbeutung im Kontext von Menschenhandel; Eine Standortbestimmung für die Schweiz», März 2016

Curia vista 16.3511: Interpellation Yvonne Feri, Sozialdemokratische Fraktion, Sozialdemokratische Partei der Schweiz: Arbeitsausbeutung im Kontext von Menschenhandel

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