Podium Geld und Macht

Jörg Eigenmann

Kabale der Konzerne

Dass globale Konzerne wie Glencore oder Nestlé demokratische Prozesse beeinflussen – diese Erkenntnis ist wahrhaftig nicht neu. Ein Podiumsgespräch in Bern fördert dazu aber Aufschlussreiches zu Tage. Und zeigt: Die Macht der Grosskonzerne ist nicht grenzenlos.

Macht geht in unserer Vorstellung meist mit Grösse einher. Mit Möglichkeiten, den Gang der Dinge zu beeinflussen. Diese Vorstellung schwingt etwa in Max Webers Definition mit, wenn er von Macht als Chance spricht, «innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen». Seit Foucault wissen wir zudem, dass sich Macht nicht nur auf der Handlungsebene manifestiert, sondern auch in der Art und Weise, wie Wissen generiert wird und welche gesellschaftlichen Vorstellungen sich darüber etablieren, wie die Welt beschaffen ist – kurz: wie ein Diskurs entsteht!

Das interessiert als Soziologen auch Ueli Mäder, Professor an der Universität Basel und Autor zahlreicher Bücher über soziale Ungleichheit. In seinem neuesten Werk «macht.ch. Geld und Macht in der Schweiz» legt Mäder frei, wie sich Macht nicht nur über Geld, sondern auch über Netzwerke und soziales Kapital realisiert. Über den Einfluss solcher Netzwerke auf die Politik diskutierten am 7. März 2016 Anita Fetz (SP-Ständerätin), Mark Herkenrath (Geschäftsleiter alliance sud) und Ueli Mäder an einem von Markus Mugglin moderierten Podiumsgespräch.

Bewusstsein bestimmt das Sein – über die Macht des Diskurses

Die Koordinaten der bürgerlichen Politik haben sich verändert. Früher sprach man vom bürgerlichen Filz, der seine Interessen über Verbände geltend machte. Das ist heute nicht mehr so: «20 Jahre neoliberale Gehirnwäsche haben sich bei den Bürgerlichen genetisch eingeschrieben», sagt die SP-Frau Fetz. Viele Verbände würden nicht die Interessen der KMU oder des Werkplatzes Schweiz vertreten, sondern jene der Grosskonzerne. Das zeige sich etwa daran, dass monopolisierte Vertriebswege unangetastet blieben – und ein Händler Produkte ausschliesslich über die Schweizer Vertretung des Grosskonzernes einkaufen könne. So bleibe die Schweiz eine Hochpreisinsel.

Internationale Konzerne schaffen ihren eigenen Imperativ, wie die Wirtschaft zu funktionieren hat. Diese diskursive Macht wird oft mit der Drohung unterlegt, wegzuziehen und damit den Wirtschaftsstandort zu schwächen, falls die Politik zu sehr an den Rahmenbedingungen schraubt. «Diese Abgehobenheit wird von der Öffentlichkeit zunehmend abgelehnt», meint Ueli Mäder, und schiebt nach: «die Wirtschaft ist auf die Gesellschaft angewiesen». Auch Konzerne müssten sich den Fragen der Zivilgesellschaft stellen. In der wachsenden Macht der Nichtregierungs- und Entwicklungsorganisationen sieht Mark Herkenrath eine Chance: So kann beispielsweise mit dem Initiativrecht Druck aufgebaut werden – siehe Konzernverantwortungsinitiative, die vor der Lancierung steht.

Die Verantwortung des Einzelnen: lernen!

Was kann die oder der Einzelne angesichts der übermächtigen Strukturen überhaupt verändern? Wohl kaum ein Podium, an dem diese Frage nicht gestellt würde. Für Ueli Mäder steht diese Frage stellvertretend für eines der zentralen Erkenntnisinteressen der Soziologie – nämlich, wie sozialer Wandel möglich ist. Mäder: «Jedes Individuum ist ein lernendes System!» Allerdings sind wir in vielen Belangen analphabetisch unterwegs. Wir müssten uns, so Mäder, ehrliche Zugänge zur Welt verschaffen, indem wir uns zu den Konsequenzen des eigenen Handelns befragen – und zwar ohne utilitaristische Nebengedanken. Solche Zugänge führten dazu, dass sozialer Zusammenhang entstehe und sie beantworten die Frage nach dem sozialen Sinn, «eine der subversivsten Fragen überhaupt!»

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