Reportage zur sozialen Lage in der Pariser Banlieue, Folge 3.1

Oswald Sigg

I Die Schule der Republik

In Frankreich gilt die Volksschule als Garant für die Trennung von Staat und Religion. Nebst den Grundfertigkeiten wird den Kindern vermittelt, was den Geist der Republik ausmacht. Das gelingt aber immer weniger. Eine Reportage des «Hälfte»-Redaktors Oswald Sigg.

Die französische Schule ist nicht einfach das Gebäude im Quartier, wo die Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. In der Schule wird seit der Revolution von 1789 versucht, noch den kleinsten Soldaten den Staat als die Republik vertraut zu machen.  Bereits die Verfassung von 1791 statuierte das Prinzip der kommunalen und damit öffentlich finanzierten Ausbildung. Die öffentliche Schule ist dem Staat verpflichtet. Früh lernen hier die Schulkinder die republikanischen Symbole kennen. Es sind die Dreifaltigkeiten „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und die an den meisten öffentlichen Gebäuden hängende Trikolore. Selbst in den ersten Schulbüchern taucht sodann die BB der sechziger Jahre auf: als „Marianne“ verkörpert Brigitte Bardot allegorisch die Freiheit und die Demokratie Frankreichs.[1] Auf der Website des Erziehungsministeriums[2]  erzählt Catherine Forestier, Direktorin der École maternelle Murat im vornehmen 16. Arrondissement von Paris, ihre Aufgabe: sie habe die Funktion einer „Animatrice“, besonders gegenüber den Eltern, die sie für den Auftrag der Schule sensibilisieren wolle. Ihre Schule ist Kindergarten, Hort und Primarschule zugleich. Ihre tägliche Verantwortung für alle Kinder erstreckt sich jeweils über acht Stunden. Forestier steht am Morgen am Eingang und empfängt Kinder und Eltern. Am späteren Nachmittag steht sie am selben Ort, um die Kinder in die Obhut der Eltern zurückzugeben. Dies geschieht so, auch aus Gründen der Sicherheit. Der Eingang der Schule ist ohnehin tagsüber von Agenten einer privaten Sicherheitsfirma überwacht.

Aufgebot des Bürgertums

Am 12. Mai 2015, vier Monate nach dem Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“, lancierte die Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem als „Synthese“ eines Kongresses der Erziehungs- und Bildungsverantwortlichen, die „Réserve citoyenne“.  Die freiwilligen Angehörigen dieser nationalen Bürgerwehr der Erziehung verpflichten sich, die Werte der Republik in den Schulen aufleben zu lassen. Dabei geht es um die Festigung eines zivilgesellschaftlichen - mehr noch: eines republikanischen Bewusstseins der Jugend. Als Grundlage dient die Mutter französischer Wertesymbolik, nämlich die Losung des Erzbischofs Fénelon [3]: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Das aufklärerische Programm wurde mit der Revolution von 1789 zum Signet der Französischen Republik bis zum heutigen Tag. Konkretisiert wird es seit 1995 mit Artikel 1 der Verfassung: „Frankreich ist eine unteilbare, laizistische, demokratische und soziale Republik. Sie gewährleistet die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz ohne Unterschied der Herkunft, Rasse oder Religion. Sie achtet jeden Glauben.“ [4]

Angesichts des Kriegs, in welchem gemäss François Hollande [5] die islamistischen Terroristen es darauf abzielen, genau diese Werte zu bekämpfen, wird die „Réserve Citoyenne“ eingesetzt zur Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer beim staatsbürgerlichen Unterricht. Wie die Reservisten bei solcher Einpflanzung republikanischer Setzlinge vorgehen, das bleibt ihrer Erfahrung und ihrem pädagogischen Geschick überlassen.

Der Reservist Mustapha Adouane, ein Pariser Rechtsanwalt mit algerischem Hintergrund, als Beispiel.[6] Adouane thematisiert in seinen Besuchen der Schulklassen die Identität. Er wirft den Schülerinnen und Schülern Fragen zu: Wer fühlt sich als Französin, als Franzose? Wer ist Franzose? Die Antworten variieren stark. Keine Lektion gleicht der anderen. Die Lehrer, die ihn engagieren, sind sich einig: er weckt den Ehrgeiz bei den Schülerinnen und Schülern und verhilft ihnen zu kritischem Geist.

Anders die Reservistin Sarah El Kahaz. Sie ist Psychoanalytikerin, Vizechefin der Sozialdirektion im südlichen Département Aude (11) sowie Gemeinderätin von Castelnaudary und dort zuständig für Sicherheit, Vorsorge und Bürgerschaft. Letzteres ist ihr Thema in den Schulklassen. Ausgehend vom Staat und seinen Bürgerinnen und Bürgern kommt sie auf die Laizität und die Diskriminierungen zu sprechen. In diesem Rahmen nimmt Sarah aber auch die Schüler mit auf Exkursionen in die Nationalversammlung in Paris oder sie besucht mit ihnen Abgeordnete im Europäischen Parlament in Strassburg. Sie will ihren beruflichen und politischen Hintergrund mit den Schülern teilen. Wissen sei Macht - im noblen Sinn des Wortes, sagt sie.

Anne-Claude Dunan, Advokatin am Gericht von Toulon, arbeitet für und mit Kindern und ist aktiv im Bereich der Rechte des Kindes. Für Dunan ist die ‚Réserve citoyenne‘ grundlegend in der Vermittlung staatsbürgerlicher Bildung. Sie meint: „Die Kinder sind die Zukunft der Republik, es ist unsere Aufgabe und Pflicht, sie als Bürgerinnen und Bürger auszubilden.“

Soziale Ausgrenzung durch die Schule

Die öffentliche Schule ist in Frankreich - mehr als in anderen Ländern - der Ort, wo die sozialen Fragen und die politischen und religiösen Antworten der Gesellschaft brutal aufeinanderstossen. Nicht von ungefähr rüstet also Frankreich den wichtigsten Bildungsbereich mit einer Reserve von vertrauenswürdigen Hobbypädagogen aus. Auf die Schule Einfluss zu nehmen und der Jugend eine vom Islamismus abgeschottete Entwicklung zu ermöglichen - dazu fühlen sich noch ganz andere Kreise berufen.

Frankreich hat seit langem einen grossen Anteil an privaten Schulen im Vergleich mit anderen europäischen Ländern. Die privaten Etablissements gelten als Kaderschmiede, damit die Absolventen später in die renommiertesten Universitäten des Landes aufgenommen werden. Dort, wo das System und seine Elite gebildet werden.  

Nun schrieb eines Tages Thomas Piketty in seinem Blog im „Le Monde“ über die soziale Durchmischung an den 175 Collèges (Mittelschulen) in Paris.[7] 60 private Schulen stehen 115 öffentlichen Einrichtungen gegenüber. Die ganze Wissenschaft des berühmten Ökonomen ist statistisch basiert. Er setzt die Zahl unterprivilegierter Schülerinnen und Schüler in Relation zur Gesamtzahl der Collèges. Wenn die soziale Durchmischung der Gesellschaft in diesen Schulen abgebildet wäre, müssten an jedem der Collèges 16% SchülerInnen aus den untersten sozialen Schichten (Arbeiter, Arbeits- oder Wohnungslose) zur Schule gehen. In den vornehmsten und demzufolge privaten Gymnasien findet man davon weniger als 1%. Piketty schlägt nun vor, die Gesamtheit der Unterschicht-Schüler auf sämtliche Collèges zu verteilen. Um damit der extremen sozialen Segregation an den Pariser Mittelschulen Einhalt zu gebieten.

Nach zehn Tagen wurde der Ökonom von Christine Tasin, Präsidentin der Résistance Républicaine[8] zum „Piketty-Staline“ gemacht. Tasin argumentiert nicht populistisch, sondern rassistisch. Piketty wolle den Privatschulen bis zu 25% Kinder aus - schamvoll sogenannten - „sozial schwachen Familien“ aufbürden. Das wäre nichts anderes, als dass die Brut des „Abschaums“ der Gesellschaft, nämlich die Muslime, unsere lieben Kinder am Lernen hindern würde. Wobei gleich auch die Anmerkung erlaubt sei - selbst wenn frau „in die Unterhosen pinkeln müsste vor Lachen, wenn es nicht so tragisch wäre“ - dass das französische Schulsystem tatsächlich ultra-elitär sei. Die verwöhnten Kinder lernten hier nichts, sondern würden vielmehr zu historischen, literarischen, biologischen Ignoranten erzogen. Und von orthographischer Kompetenz dürfe gar nicht gesprochen werden: sie sei gleich Null. Wenn jährlich 250’000 Jugendliche aus diesem System geworfen würden, dann sei das ganz einfach noch nicht genug. Es gebe noch mehr solcherart „Analphabetentum und Gesindel“, das die Professoren am Lehren und die Schüler am Lernen hindere. Und wer überhaupt - so fragt die enragierte Dame Tasin - sind diese „sozial schwachen Familien“, die Paris bevölkern? Es sind jene, die den gebürtigen, den einheimischen Franzosen ihre Sozialwohnungen wegnehmen. Wenn die „sozial schwachen“  Kinder handicapiert seien, dann vor allem, weil sie zu ihrem eigenen Unglück von muslimischen Immigranten abstammen würden, die ihren Kindern ekelerregende Bilder von Frankreich und seinen Institutionen vermitteln und das Christentum als ein Werk Satans bezeichnen würden. Es sei nur logisch, wenn sich diese Kinder dann dem ganzen System gegenüber verweigern.  

Digitale Bürgerwehren

Seit Ende 2009 schon macht sich eine digitale Bürgerwehr mit dem Emblem RÉSISTANCE RÉPUBLICAINE und dem Zusatz LIBERTÉ ÉGALITÉ FRATERNITÉ LAÏCITÉ im Netz breit. Sie klärt auf über die „Machenschaften“ des Islams in Frankreich. „Unsere Republik mitsamt ihren der Aufklärung entsprungenen Werten ist in Gefahr - wegen den wachsenden Einflüssen des Islams, des angelsächsischen Systems und des Liberalismus“. Die Kämpfenden sollen aus allen Parteien rekrutiert werden. Denn einer solchen Entwicklung dürfe nicht weiter mit frommen Wünschen begegnet werden. Christine Tasin ist das Herz der Résistance, eine „Bouffeuse d’islam“, wie sie von Catherine Coroller genannt wurde. [9] Tasin gibt sich als Kämpferin für die republikanischen Werte von 1789. Dafür trägt sie schon mal in der Öffentlichkeit eine Tunika samt Kopftuch in den Farben der Trikolore und begibt sich mit ihren Getreuen auf eine Strasse, die von den hier wohnenden Muslimen „illegal besetzt“ worden sei.

Zu dieser Sorte von Organisationen gehört auch RIPOSTE LAÏQUE und der BLOC IDENTITAIRE.  Dessen Präsident ist Fabrice Robert. Auf der Website präsentiert er sich mit einer Aufnahme von einem Kongress der EU-Rechten, worunter auch SVP-Nationalrat Dominique Baettig als „Député au Parlement helvétique“ figuriert. Man ist hier über Personen liiert mit dem rechtsextremen Organ „Minute“. Dieses führt stehende Rubriken wie „FN“, „Hollande“, „Marine le Pen“ und hier arbeitet „la seule fille de l’équipe“, Estelle Champagnol. Sie stammt gemäss Angaben der Redaktion aus dem südlichen Département Gard, ihre Leidenschaft ist der Stierkampf und ihr Name führt weiter zum FRANCAISDEFRANCE’S BLOG. Die von wordpress.com aus operierende Plattform gebärdet sich gegen alles, was irgendwie direkt oder indirekt mit dem Islam in Frankreich zu tun hat.[10] Ein paar Klicks weiter in diesem Dickicht trifft man auf die Website FDESOUCHE (Français de souche). [11]

Über youtube begegnet einem ein veritabler Revolutionssender mit der schönen Marke TV LIBERTÉS. Das Internet-TV sendet seit 2014, hat ein Dutzend Redaktoren und Redaktorinnen und wird präsidiert von Philippe Milliau

Es sind dies alles politisch hybride Institutionen. Christine Tasin behauptet - wie viele andere Exponenten auch - sie gehöre der Linken an, allerdings nicht dem Parti socialiste. Von Marine Le Pen ist so etwas natürlich nicht zu hören. Aber der Front National bedient politisch die vom PS seit 20 Jahren schon enttäuschten, ursprünglich linken Wählerinnen und Wähler.

Von solchen politischen Machenschaften, Scharmützeln und Intrigen dieser offiziösen und privaten Bürgerwehren ist der Schule, um die es hier geht, von aussen jedenfalls nichts anzumerken. Ein dunkelroter Backsteinbau ehrwürdigen Alters beherbergt über 300 Primarschülerinnen und Schüler.

Die Direktorin ist eine Frau, die sich parteilos gibt, aber Partei ergreift für ihre Schulkinder und deren Eltern - ungeachtet ihrer Herkunft und einerlei, ob es sich bei ihnen um Muslime, Christen, Juden oder Atheisten handelt. Sie spricht erregt, fast atemlos. Sie wirkt befreit durch den Umstand, dass endlich jemand sie danach fragt, was sie schon lange loswerden wollte.



[1] Präsident Charles de Gaulle soll 1968 erklärt haben, die BB bringe Frankreich „mehr Devisen“ als die Automarke Renault. (purepeople.com)

[3] François de Salignac de la Mothe-Fénelon (1651 - 1715), Schriftsteller und Theologe

[4] 2003 wurde Art. 1 wie folgt ergänzt: „Sie ist dezentral organisiert.“

2008 wurde Art. 1 wie folgt ergänzt: „Das Gesetz fördert den gleichen Zugang von Frauen und Männern zu den Wahlmandaten und-ämtern sowie zu den Führungspositionen im beruflichen und sozialen Bereich.“

[5] Vor allem nach den Attentaten vom 13. November 2015 in Paris und Saint-Denis sprach François Hollande vom Krieg „gegen die Werte der Republik“ - so etwa in seiner Rede vor der Nationalversammlung in Versailles am 16. November 2015

[6] Die Aussagen von Reservisten des Erziehungsministeriums stammen aus der Website education.gouv.fr vom 18.10.2016

[7] M Blogs Le Monde 31. August 2016

[8] Die Résistance Républicaine ist vermutlich das Flaggschiff der rechtsextremen Bürgerwehren in Frankreich: resistancerepublicaine.eu

[9] Portrait „Bouffeuse d’islam“ von Catherine Coroller, Libération 2. März 2011

[11] „Français de souche“ hat gemäss einem alten Larousse-Dictionnaire (1963) ganz verschiedene Bedeutungen, unter anderen: la souche d’une famille ist der Stammvater, rester là comme une souche meint wie angewurzelt stehenbleiben, hingegen bidllich gesprochen kann souche auch Blödian bedeuten.

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