Reportage zur sozialen Lage in der Pariser Banlieue, Folge 3.2

Oswald Sigg

II Claire

Die Direktorin einer Grundschule in der Pariser Banlieue berichtet von der Schule als Brennpunkt sozialer Probleme. Sie weiss, dass viele Missstände einer verfehlten Politik anzulasten sind.

Resolut, leicht gedrungene Statur, energisches Gesicht mit unpassend sanften Augen - die Frau ist nicht leicht zu beschreiben. Sie ist die Direktorin der Primarschule, die in unmittelbarer Nachbarschaft meiner kleinen Wohnung liegt.

Die Schule an sich, zu der auch eine École maternelle für Kinder von 2 bis 6 Altersjahren gehört, ist ein Segen für das Quartier. Sie beschert einem tägliche, zuweilen fröhliche Begegnungen mit Kindern und Eltern. Oft höre ich an meinem Schreibplatz bei offenem Fenster die Kinder schreien, lachen und singen. Der Weg zum Zeitungshändler führt am langgezogenen Schulgebäude vorbei. Eines Morgens lehnt sich die füllige Concierge aus dem Fenster, gleich neben dem Eingang. Sie schwatzt mit einer Mutter, die ihre Kinder gerade hierhin begleitet hat. Als ich mit der Zeitung in der Hand zurückkomme, verabschieden sich die beiden Frauen. Bevor die Concierge das Fenster schliesst, komme ich mit ihr ins Gespräch. Zur Frage, wie viele Kinder denn hier zur Schule gingen, gibt sie bereitwillig Auskunft, auch auf noch nicht gestellte Fragen. Sie weiss viel und kennt alle Leute im Quartier. Sie wohnt hier im Haus, seit letztem Jahrhundert. Wir vereinbaren ein Gespräch nach dem Wochenende, am kommenden Montag, so um die 17 Uhr. 

An jenem spätsommerlichen Nachmittag öffnet die Concierge auf das Klingeln an der Pforte sogleich die schwere Tür. Sie ist enttäuscht: sie dürfe mir keine Auskünfte geben. Die Direktorin werde mich empfangen. Schade. Die Concierge hätte mich - nach dem ergiebigen Gespräch am Fenster - mindestens ebenso interessiert.

Jetzt sitze ich im mit „Direction“ angeschriebenen Büro, im ersten Stock, der Frau Direktorin gegenüber und berichte ihr über die Gründe meines Besuchs. Sie folgt meinen kurzen Erläuterungen nicht richtig. Es vergeht keine Minute, ohne dass nicht irgendwer telefoniert, durch die offene Tür ein Kind nach den Farbfilzstiften fragt oder eine Lehrerin ihr einen wunderschönen und vor allem fröhlichen Abend wünscht. Nun ist es aber genug - sie schliesst beide Türen ihres Amtsraums und stellt das Telefon auf die Stellvertreterin um. Obschon eine solche gar nicht existiert. Aber dazu später.

Nennen wir die Direktorin Claire. Sie besteht darauf, völlig anonym zu bleiben und den Ort unserer Unterhaltung zu verschleiern. Dies hätte den Vorteil, dass sie mir ihre Geschichte frei und unverblümt erzählen könne. Die politische Korrektheit, die ihr Amt verlange, wolle sie bei diesem Thema vermeiden. Das ist nicht erstaunlich.

„Wir sind hier geprägt von einem halben Jahrhundert maghrebinischer Einwanderung. Meine persönliche Erfahrung damit dauert jetzt 32 Jahre, die ich in der Banlieue verbracht habe. Nun geben Sie mir die Gelegenheit, diese Dinge mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Alle diese Famlien habe ich gekannt. Aber nicht nur das: mit den Familien und ihren Kindern habe ich immer zusammen gearbeitet.

Somit kannte und kenne ich sie gut. Das sind meistens Leute, die den Erfolg ihrer Kinder wollen, die alles geben, um Arbeit zu finden, die sich bewegen. Aber ein wachsender Teil der Leute lebt unter schwierigen Bedingungen. Und die Schwierigkeiten werden immer grösser. Da sind vorab die wirtschaftlichen Probleme. Im Zentrum stehen die Arbeit und das Gegenteil: die Arbeitslosigkeit. Es gibt Familien, die sind vor 25 Jahren aus Algerien, Marokko, Tunesien nach Frankreich gekommen mit dem Ziel, zu leben wie die Franzosen. Gut. Es waren nicht wir, die so etwas von ihnen verlangten. Sie hatten Lust, sich auf unsere Gesellschaft einzulassen, sich mit ihr zu verschmelzen.

Ich sah doch diese Mamans! Die Väter arbeiteten allenfalls und die Mütter versorgten die Kinder. Sie begleiteten sie zur Schule. Sie suchten daneben einen Job, wenn sie Lust dazu hatten - so war das. Sie gaben sich, was die Kleidung anbetraf, von Kopf bis Fuss als Europäerinnen. Da gab es keinen Unterschied zu uns, keinen einzigen.“

Halal-Metzgereien

„Kommen wir ins praktische Leben, zur Schule und zum Arbeitsplatz. In den linken Gemeinden der „petite couronne“[1] gab es immer Möglichkeiten, das Schweinefleisch im Menu der Kantine durch ein anderes Fleisch zu ersetzen. Hier in unserer Banlieue war das immer selbstverständlich und darüber gab es keinerlei Diskussion. Ich betone das, weil irgendein Politiker auf einmal verlangt hat, sofort damit aufzuhören.[2] Dabei hat das seit jeher funktioniert und niemanden gestört. Es war immer akzeptiert und normal, dass die Juden und die Muslime kein Schwein essen. Seit langem gibt es koschere Metzgereien.

Auf einmal kamen die Halal-Metzgereien auf. Und auf einmal oder vielmehr nach und nach sah ich die Mütter viel weniger draussen. Und wenn, so wurden ihre Röcke immer länger. Ihre Köpfe verhüllten sie immer mehr und in den letzten Jahren trifft man auf ganz erstaunliche und extreme Formen der Verkleidung. Wenigstens stösst das jetzt wohl alle jungen Männer ab. Die meisten Mütter, die ja gekommen waren, um hier als Frauen ein aktives Leben zu führen, die sich frei fühlen wollten, weil sie unsere Sicht der Dinge teilten: sie alle sind auf einmal sehr rasch von dieser Art Bewegung eingeholt und eines Schlechteren belehrt worden. Dabei sind sie nicht einfach „religiöser“ geworden. Es ist vielmehr eine Unterwerfung. Und sie hat nichts mit ihrem Glauben zu tun.

Dies alles geschieht in einer Zeit der „Verbürgerlichung“ dort drüben in Paris: die Mietzinse steigen immer höher, die Nachfrage nach Sozialwohnungen wächst ins Unermessliche, die entsprechenden Notlagen ebenfalls und so werden die Probleme exportiert und es entwickelt sich hier in der Banlieue, ausserhalb von Paris, eine andere Gesellschaft.“  

Versagen der Politik

„Hier nun, da wo wir sind, wird es wegen der überfüllten Metro und der stark befahrenen Stadtautobahn viel schwieriger, nach Paris zu gelangen. Man ist nicht mehr so viel dort, man trifft sich weniger mit jenen Leuten, die sich noch immer Paris als Wohnort leisten können. Obschon sich die Stadtverwaltung lange Zeit einige Mühe gab, Leute in prekären Verhältnissen in Sozialwohnungen unterzubringen … Gut, ich habe etwas Zweifel, ob die Behörden immer alles Erdenkliche auch wirklich getan haben. Sei’s drum. Tatsache ist es, dass sich jene Leute, die sich das teure Leben in Paris schon lange nicht mehr leisten konnten, als Migranten, sans papiers und Wohnungs- und Arbeitslose in der berühmten „Ceinture rouge“[3] wiederfanden. Hier waren die Bürgermeister erst Kommunisten und später Sozialisten, also haben sie Sozialwohnungen gebaut. Tonnenweise.

Es gab bei uns damals noch nicht allzu viele Wohnungslose oder sans papiers. Einige davon hat es zwar immer gegeben, aber nicht so wie heute. Heute sind diese Menschen sichtbar. Und wenn sie schon sichtbar werden, dann sage ich mir: es gibt viele davon, sehr viele. Mindestens die Algerier, die da in die Banlieue umsiedelten, waren auch Wählerinnen und Wähler. Weil sie dort unten in einem französischen Département[4] auf die Welt kamen. Die anderen Gruppen von Immigranten versuchten, die französische Nationalität zu erhalten und insofern gehörten sie zu den potenziellen Wählern. 

Nun aber, fast zwangsweise aus dem konvivialen Paris evakuiert, haben sich diese Leute bei uns in eigenen Gruppen und Gemeinschaften formiert. Und das war der totale Fehler unserer Politiker. Dass man es diesen Menschen verunmöglicht hat, das zu werden, was sie sich wünschten. So zu werden, wie wir es sind. Ein Konkurs unserer Politik. Diese Aussiedlung war das Gegenteil der amerikanischen Entwicklung. Beispiel: die Bronx liegt fast mitten in New York und nicht irgendwo im Hinterland. Rund um die Bronx wohnen die reichen Leute. Bei uns ist es umgekehrt. Ein unverzeihlicher Fehler unserer Politiker.“

Liberté

„Natürlich gab und gibt es auch Immigranten, die bei ihren Ansichten und Überzeugungen bleiben wollten, die den von ihren Herkunftsländern gewohnten Sitten nachleben und entsprechende Gemeinschaften bildeten. Aber sie haben jene, die doch eigentlich wie wir leben wollten, in ihren Bann, in ihre „communauté“ hinein gezogen. Druck und Unterwerfung. Diese Gemeinschaften können wir auch Banden nennen. Deren Chefs umgeben sich mit Leuten, die sich niemandem gegenüber verantwortlich fühlen.

Das ist ja nicht nur eine Geschichte à la française, dieses frei sein wollen, diese Freiheit. Es ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Und bei der Unterdrückung der Freiheit ist immer die Frau das erste Opfer. Bei diesen mir gut bekannten Frauen, diesen Mamans, die ihre Jupes weit über den Knien trugen und die plötzlich schwarz und lang gewandet mit dunkelbraunem Schleier über dem Kopf daherkamen: das passierte fast von einem Tag auf den andern.“

Égalité

„Es begann vor gut zehn Jahren und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Unterdrückung betraf gerade jene jungen Mamans, die den Elan der Freiheit unbedingt nutzen wollten und deren maghrebinische Eltern mit der freiheitlichen Entwicklung einverstanden waren oder sie wenigstens wortlos geduldet haben. Unzählige dieser Frauen haben sich seither bei mir ausgeweint. Sie klagten alle mit denselben Worten: „Es kotzt mich an, sie verbieten mir alles, für sie bin ich eine Hure, wenn ich nur einmal in einem Bistro einen Kaffee trinke.“ Mir geht es ganz ähnlich: wenn ich als Frau heute irgendwo an einer Bar einen Kaffee oder ein Bier trinken will, bin ich von lauter Männern umgeben, die den halben Tag vor einer Tasse Kaffee und einem Glas Wasser sitzen. In dieser Situation wird man als Frau zur komischen Figur. Die Maghrebinerin wird zur Aussätzigen. Wie sie nachher, zu Hause, behandelt wird, das wissen wir nicht. Sie wird jedenfalls vor Ort schon fast unbemerkt bestraft. Durch die Blicke der Männer. Sie wird bedrängt. Man flüstert ihr Worte ins Ohr.“

Fraternité

„Wie sollten sie sich auch - diese Maghrebinerinnen - aus den Käfigen, aus den Wohnungen und Treppenhäusern, aus den riesigen Wohnblöcken befreien? Auch draussen sind manche Augen auf sie gerichtet, sie werden argwöhnisch beobachtet und man zeigt ihnen, wie sie sich aufzuführen und wie sie zu leben haben. Austreten oder einfach weggehen - das ist unmöglich. Oder dann ganz weit weg gehen, aber wie? Die meisten haben kein Geld, viele kennen sich nicht aus, haben keine Bekannten, schon gar keine Freunde um sich ihnen anzuvertrauen. Es braucht Geschicklichkeit, Beziehungen und das ist alles nicht einfach.“

Mutloses Schweigen

„Es wird auch heute nicht einfacher, den Minderheiten in Erinnerung zu rufen, dass sie immer noch in der Minderheit sind. So etwas ist politisch inkorrekt, das tut man nicht. Mit anderen Worten: unsere Politiker können damit nicht umgehen, sie positionieren sich nicht mit einer klaren Haltung angesichts des Problems. Die meisten Leute, die hierher gekommen sind um hier zu wohnen, zu arbeiten… oder sagen wir es besser so: die hier unter dem Damoklesschwert leben: sie sind Analphabeten. Das bedeutet: wir sagen ihnen, was sie zu tun und wie sie sich aufzuführen haben. Aber wir sind nicht in der Lage, all jenen, die hier frei leben wollen, den nötigen Raum zur Umsetzung ihrer Vorhaben zu geben. Weil wir von der Politik nicht unterstützt werden. Schlimmer noch: man wirft sie alle in denselben Korb. Sie machen keinen Unterschied zwischen jenen, die irgendwelchen Unsinn tun und den andern. Gegen den  Unsinn schreiten die Politiker auch nicht wirklich ein. Niemand ruft: halt, so geht das nicht, eine solche Sprache, ein solches Verhalten dulden wir nicht! Die Muslime werden - auch als Kollektiv - so behandelt: man schweigt, beredtes Schweigen. Demgegenüber spricht man mit den Juden und erst noch differenzierter.

Mir sagen manchmal energische Eltern, mein Kind isst kein Fleisch oder dann nur Halal - also Fleisch, das nach islamischem Recht erlaubt ist. Ich antworte ihnen: wir sind hier in Frankreich und daher in einer laïzistischen Schule. Wir machen trotzdem einen Unterschied zwischen dem Schwein und anderen Fleischsorten. Oft gibt es Fisch und meistens zwei Fleischsorten zur Auswahl. Ihr Kind, Monsieur, kann hier sein Essen auswählen und alles probieren. Das ist keine private Angelegenheit. Und da werden dann schon mal die Kinder von dieser Schule entfernt und in eine muslimische Privatschule gesteckt. Das ist eine radikale Reaktion, die auf andere Eltern ansteckend wirkt. Das heisst: jeder und jede will den kleinen Hinterhof beibehalten. Ob Jude, Katholik oder Muslim … jeder. Es ist manchmal schon elend schwierig. Zuweilen wenn ich am Radio die Nachrichten höre - zum in die Luft gehen. So hätte man es gar nicht sagen oder machen dürfen, … Natürlich: wenn man unten ist, sagt man: die oben machen es falsch. Und die oben werden sich sagen, die da unten sind uns nur noch lästig - ihnen fehlen die Zusammenhänge. Jedenfalls: es fehlt überall an Mut. Wirklich, es gibt zu wenig Mut „de ménager la chèvre et le chou“. [5] Wir haben andauernd gegensätzliche Interessen zu berücksichtigen. Am Ende ist der Kohl aufgefressen und die Ziege auch. So geht das.

Die Städte sind ja für den Umgang mit den Migranten verantwortlich. Sie haben den direkten Kontakt mit der Bevölkerung. Anderseits: der soziale Wohnungsbau, die Raumplanung und diese Geschichten, dafür sind die Präfekturen verantwortlich.[6] Es gibt Städte, in denen eher Sozialhilfegelder ausbezahlt und weniger Sozialwohnungen gebaut werden. Dann gibt es wieder andere Städte, die wissen nicht, wie sie die Probleme in den sozialen Siedlungen lösen sollen. Hier muss das Sozialversicherungssystem greifen, es muss Fachpersonal zur Verfügung stehen, man muss die Hilfsvereine subventionieren. Die ganze Kette muss funktionieren und es braucht sehr viel Geld damit das schwächste Glied nicht bricht.“

Sozialhilfequote

Hier in der Schule haben wir zurzeit 343 Kinder. Sie stammen zu 80% aus Familien, die vom kommunalen Sozialdienst unterstützt werden. Das sind alles Leute in unterschiedlich prekären Situationen und sie können die Steuern nicht bezahlen. Sie sind oft einfach arbeitslos, sie beziehen für dies und jenes Zuschüsse und Ergänzungsgelder, sie gelangen an den Sozialdienst, weil sie den Mietzins nicht mehr bezahlen können, sie profitieren vom niedrigsten Tarif in der Schulkantine. Mit all diesen Umständen vermeiden noch die Cleversten unter ihnen das Bezahlen der Steuerrechnung. Das verstehe ich nicht und es empört mich. Wenn man Bürger ist, teilt man und nimmt Anteil. Aus Prinzip. Auf der kommunalen Ebene sollten alle Einwohnerinnen und Einwohner in die Steuerpflicht eingebunden sein. Und sei es nur mit einem minimalen Scherflein. Doch das Gesetz bestimmt, dass sie steuerbefreit sind. Was sagt man dem Reinigungsmann im „Quick“ [7], wenn das Kind solcher Eltern alle Abfälle auf den Boden schmeisst?  Seine Eltern bezahlen wenigstens ein klein wenig Steuern? Aber nein, sie bezahlen nichts dergleichen. Ich bezahle ihren Teil auch noch, wie jeder anständige Bürger. Da stimmt einfach vieles nicht. Man muss auch sagen: die meisten dieser Leute haben keinerlei oder nur äusserst geringe Einkünfte. Sie haben ganz kleine, mickrige Jobs, höchstens. Oder sie sind langzeitarbeitslos. Sie sind verloren, sie kommen nicht mehr aus dieser Misere heraus, sie haben null Chancen. Trotzdem: sorry, aber es wäre doch möglich, 5 oder 10 Euros pro Monat auf die Seite zu legen für einen symbolischen Steuerbetrag. Nur so kannst du dir sagen: ich existiere und lebe in einer Gemeinschaft. So kann ich als Bürgerin und Mitglied der Gemeinschaft auch Forderungen stellen. Es kann doch nicht sein, dass man diesen Leuten alles schuldig ist, ihnen alles bezahlen muss!

In den Augen vieler Mitbürger hat diese grosse Gruppe von Randständigen keine politischen Rechte. Sie würden ohnehin nicht wählen gehen. Sogar im lokalen Bereich leben sie völlig ausserhalb unserer Citoyenneté française, unserer republikanischen Gemeinschaft. Die Ministerin[8] verpflichtet uns, ihnen die Moral zu predigen. Was glaubt sie eigentlich? Dass wir ‚Moral‘ unterrichten, jeweils am Freitag zwischen 1600 und 1700 Uhr? Wir machen das täglich von morgens früh bis abends spät. Die Kinder kommen am Morgen. Ich steh an der Tür und sage allen ‚Bonjour’. Sie sagen mir ‚Bonjour‘ und ich bitte sie, ihre Kappe abzuziehen. Nur um zu sagen. Sobald sie um die Ecke sind, wird die Kappe wieder aufgesetzt, aber wenigstens solange sie im Korridor sind, habe ich diese Höflichkeitsform durchgesetzt. Selbst wenn es draussen regnet - hier im Eingang müssen sie die Kappen abnehmen. Mit der Zeit gewöhnen sie sich dran. Die Pädagogik das ist nur wiederholtes Üben.

Roma

„Zwischendurch hatten wir auch Roma-Kinder. Es gab hier ein Roma-Camp von rund 2’000 Personen und es wurde vor zwei Jahren aufgehoben, die Leute verjagt, ihr Hab und Gut liquidiert. Man bot ihnen zwar einen Umsiedlungs-Pakt an: ein stabiles Camp mit Platz für etwa 20 Familien. Als Gegenleistung verlangten die Behörden von den Roma per Unterschrift, dass sie reguläre Arbeitsstellen suchten. Somit mussten sie Identitätspapiere haben. Das hatten sie mehrheitlich nicht. Also war das Programm: Papiere beschaffen, Arbeit suchen, die Kinder einschulen und die französische Sprache erlernen. Funktionierte nicht. Hier an der Schule haben wir zwei Alphabetisierungs-Kurse für Erwachsene angeboten[9]. Das Angebot richtete sich an die Eltern jener Kinder, deren Muttersprache nicht das Französische war oder die eben ‚ungebildet‘ waren. So gibt es den Illettrismus und gleichzeitig die Mühsal der Sprache. Auf einmal kamen die Roma-Eltern an diese Kurse. Wir waren perplex, weil das Angebot im Prinzip nur für Sesshafte gedacht war.

Erinnern wir uns an die archaische Ordnung. Der prähistorische Mensch hat an einem schönen Tag aufgehört, überall Tiere zu jagen und Beeren zu sammeln und er bestellte seinen Acker. Er begann, sesshaft zu werden. Sehr viel später, vor über einem Jahrzehnt wuchs bei den alten Seine-Hafenanlagen draussen vor der Stadt die grösste Roma-Barackensiedlung (Bidonville) von Frankreich heran.[10] Zu dritt gingen wir - das war vor ein paar Jahren - von unserer Schule aus dorthin, um ein paar Frauen im Camp zu fragen, ob sie Lehrerinnen für ihre Kinder bräuchten. Die Jugendlichen wären - so beschied man uns - nur an ihren Gadgets interessiert, sie hätten gar keine Lust um irgendetwas zu lernen. Anders bei den Kindern und - siehe da - auch bei einigen ihrer Eltern. So verbrachten wir dann die freien Mittwochnachmittage mit den Roma-Familien. Nach einer Weile wurde aber unsere autonome und freiwillige Aktion - quasi eine Hilfeleistung unter guten Nachbarn - auf der Präfektur ruchbar. Dann kamen die wohltätigen Vereine. Sie reklamierten und haben uns hinausgeworfen. Die Vereins-Notabeln gaben vor, es sei ihre ureigene Aufgabe, im Auftrag der Präfektur diese Leute zu zivilisieren. Also haben wir uns dann verabschiedet. Die Vorgänge zeigen einem nur, dass das Ganze nicht mehr rund läuft. Denn kurz darauf haben sie jenen Teil der Siedlung zerstört und versucht, die Leute irgendwo anders unterzubringen. Das war für vier, fünf Familien sehr hart - man hat gar keine Plätze mehr für sie gefunden. Sie hatten wohl auch den Umsiedlungs-Pakt nicht unterschrieben. Eine hoffnungslose Situation. Ein Chaos.“

Zu fünft im Hôtel social

Jetzt kommen viele Flüchtlinge - aus Russland, Aserbaidschan, Georgien, Syrien. Alle verlangen sie politisches Asyl. Wenn sie jetzt nicht die Gesetze ändern, wenn sie jetzt nicht diese Arbeit packen - mit all diesen Syrern, ich weiss nicht. Sie werden das Feuer legen. Es ist doch unmöglich: sie verlangen politisches Asyl. Während des Verfahrens erhalten sie 350 Euros pro Monat. Und gleichzeitig verbietet man ihnen, zu arbeiten. Sie werden in Camps untergebracht, oder in Hotels. Das kostet uns ein Vermögen. Es gibt „Sozial-Hotels“ die eine Familie für 1’000 Euros pro Woche aufnehmen.[11] Wir bezahlen das mit unseren Steuergeldern. Das ist OK, an sich. Und es kann somit drei Jahre dauern, bis sich ein Richter findet um die Situation des fraglichen Flüchtlings zu klären. Wenn dieser Flüchtling den Beweis erbringt, dass im Herkunftsland sein Leben oder dasjenige seiner Familie gefährdet ist, dann erhält er den Stempel: „Flüchtling“. Dann entlässt man ihn in die freie Natur mit der Bemerkung: Sie sind offizieller Flüchtling, sie haben kein Recht mehr auf nichts und sie können arbeiten gehen. Die Bezahlung von 350 Euros wird von einem Tag auf den andern aufgehoben. Sämtliche Hilfsangebote existieren nicht mehr für ihn. Sie finden keinen Job, sie beherrschen die Sprache nicht. Sie haben kein Recht auf Sprachkurse mehr.

Andernfalls, wenn sein Asylgesuch abgelehnt wird - wie in den meisten Fällen, weil es schwierig ist, die Bedrohung im Herkunftsland zu belegen - dann kann unser Flüchtling Rekurs einlegen. Das Verfahren wird um drei Jahre verlängert und während dieser Zeit hat  er das Recht, nichts zu tun. Was soll er denn jetzt tun? Es ist eine furchtbar unerträgliche Lage für ihn und seine Familie. Am letzten Wochenende ging ich einkaufen und füllte einen Caddy[12] für eine Flüchtlingsfamilie. Einer ihrer Buben geht hier zur Schule und er weigert sich jeweils am Freitagabend, nach „Hause“ zu gehen. Weil es dort nichts zu essen gibt. Er isst nur hier etwas - unter der Woche in der Schulkantine. An den Wochenenden dreht er durch. Sie sind zu fünft in einem Hotelzimmer und sie haben nichts zu essen. Sie haben nichts zu essen! Während der Sommerferien sind sie von der Pfarrei Notre-Dame de Clignancourt verpflegt worden. Aber nach den Ferien haben die dort ihren Betrieb eingestellt. Somit hatte die Familie nach den Sommerferien nichts mehr zu essen. Es ist unerhört. Verrückt. Aber wenigstens sind es nicht Leute aus dem Maghreb.“

Kleine Chefs

Die Syrer sind noch nicht richtig da. Aber was tun wir, wenn sie zu Hunderten Asyl beantragen?  Hier mitten in dieser Misere? Sie wissen, dass sie als Asylbewerber auf französischem Boden empfangen werden. Ich weiss von Flüchtlingen, die hier waren mit einem kleinen Buben, der hier eingeschult worden ist. Die Maman war gut bekannt mit einer Georgierin, sie kamen zu mir in den Alphabetisierungskurs. Die Maman hatte Kontakte geknüpft, die französische Sprache erlernt - das heisst sie wollte sich integrieren. Schon nach kurzer Zeit begann sie alles besser zu verstehen, sie stellte ihre Ansprüche. Aber dann ging es nicht mehr. Irgend ein kleiner Chef von irgendwoher entschied, dass sich diese Familie bewegen müsse. Sie bekam eines Tages einen Wegweisungsentscheid der Präfektur oder von sonst irgendeiner Institution. Sie hat mir das Papier gezeigt, sie hat mir die Fahrkarten für alle Familienangehörigen gezeigt, sie verliessen uns am selben Tag und nahmen den TGV nach Marseille! Sie weinten, alle zusammen. Wie wenn in Marseille die heile Welt noch vorhanden wäre!“

Zorn und Wut

Weil man sie hier nicht mehr will, schickt man sie nach Marseille. Das ist widersinnig. Es gibt bei jenen, die hier das Sagen haben, zu wenig Menschlichkeit. Sie verstehen gar nicht, was hier eigentlich passiert. Jedenfalls: die ganze Hierarchie von unzähligen kleinen Chefs, die nur das Ziel vor Augen haben, die nächste Stufe zu erreichen und den dortigen unfähigen Chef zu eliminieren - damit kommen wir nicht weiter. Die kennen natürlich die Dossiers nur halbwegs und die Menschen und die Familien dahinter überhaupt nicht. Was wollen sie: es ist einfach so. Sie, die Flüchtlinge, haben nur etwas zu sagen: Merci, merci beaucoup, dass wir überhaupt hier sein dürfen. Wie wollen sie, dass das Ganze unter diesen Umständen funktioniert? Es ist normal, dass die Leute ob diesen Zuständen bleich vor Wut werden. Wenn ich eine Asylbewerberin hier in Frankreich wäre, ich wäre sehr wütend. Die Wut zeigt sich überall und sie ist sehr gefährlich. Der Beweis: die Wut, der Zorn - das wird von den Islamisten geschürt. Es ist ihr Rohstoff. Sie sammeln die Karten ein und verteilen sie neu. Sie sind die Profiteure der neuen Umstände - auf Kosten der Verwaltung und der Politik. Die Leute können nicht mehr, sie haben die Schnauze voll von diesen geschlossenen Gruppen und Gemeinschaften. Viele macht dies wütend, mich auch. Umso mehr, als alle diese Effekte und Folgen sich mit guten und schlechten Gründen vermischen und am Ende entstehen solch verrückte Dinge wie „Charlie Hebdo“ und „Hyper Cacher“. [13]

Das Ganze regt mich so auf, dass ich mich manchmal gar nicht mehr beherrschen kann und ich gerade heraus sage, was und wie mir dies alles nicht passt. Nur: man sollte das gar nicht tun. Denn es nützt nichts. Das einzige, was etwas bringt, ist die Hilfe und Unterstützung dieser benachteiligten Menschen und Familien. Sie wollen frei sein, leben können. Sie wollen, dass ihre Kinder reüssieren, Erfolg haben. Jenen Familien, die das wollen - und gerade auch ihren Kindern - müssen wir helfen. Und ihnen auch deutlich sagen: es gibt noch andere Dinge als den Gebetsraum oder die Moschee, die sich hier um jede zweite Ecke befindet. Es gibt andere Gegenden als unser 93. Nehmt doch mal die Metro in die andere Richtung. [14] Das alles sind nur winzige Sämlinge und die allermeisten keimen nicht. Aber wenn nur ein Samenkorn aufgeht… Wenigstens hat man es versucht. Mehr geht nicht.“

Allein vor drei Bergen

Ich selbst könnte nirgendwo anders leben und arbeiten. Aber es ist ermüdend. Weil das nationale Erziehungswesen, besser gesagt das Erziehungsministerium, dauernd neue Reformen in Gang setzt - jeder Minister will dadurch dem ganzen Betrieb seinen Stempel oder Fussabdruck aufsetzen. Und wir wissen nicht mehr, wo wir eigentlich mit all diesem Neuen stehen. Voilà. Und eigentlich ist es meistens nur Papierkram. Gut: anderseits muss ich auch bekennen, das mich der Vereinfachungs-Schock des Präsidenten der Republik bis anhin noch nicht erreicht hat. [15] Das Ganze wird ja immer schlimmer. Nehmen sie nur unsere Schule. Auf die 343 Kinder kommen 16 Lehrkräfte und drei SonderlehrerInnen. Dann gibt es Freiwillige, die den behinderten Kindern helfen, dann gibt es die ganze Reinigungsequipe und das Kantinenpersonal. Und das alles steht unter meiner Verantwortung. Ich bin allein. 300 Mails pro Tag mit allen möglichen Fragen. Und ich bin allein. Hier: diese drei Papierstösse entsprechen meinen Prioritäten: 1. die Kinder, 2. die Lehrerinnen, 3. die Familien. Das ist alles unerledigt, die Papiere sind noch unberührt. Während des Tages fehlt mir jegliche Zeit dazu. Also warte ich bis abends alle gegangen sind, um die drei Berge abzurackern. Das ist äusserst anstrengend. Früher gab es hier an den Schulen noch administrative Angestellte. Sie sind verschwunden - vor drei Jahren wurden sie abgeschafft.

Jetzt muss ich leider hier diese Berge wieder weiter abarbeiten. Danke sehr für ihr Interesse.“

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[1] „Petite couronne“ werden die drei unmittelbar die Stadt Paris umgebenden Départements Hauts-de-Seine (92), Seine-Saint-Denis (93) und Val-de-Marne (94) genannt.

[2] Gilles Platret, Bürgermeister von Châlon-sur-Saône, hatte kurz nach seinem Amtsantritt im März 2015 ein Verbot der Substitution des Schweins in den Schulkantinen erlassen.

[3] 16 von 30 Städten im Département Seine-Saint-Denis sind kommunistisch regiert.

[4] Bis 1957 gab es im 1848 annektierten Algerien die Départements Alger (91), Oran (92), Constantine (93), Territoires du Sud (94) und Bône (99).

[5] das alte Sprichwort steht für „es mit keinem verderben wollen“  (Larousse 1963)

[6] Die Präfektur bezeichnet den Hauptort eines Département, der Präfekt ist der oberste Verwaltungsbeamte des Département und untersteht dem Innenministerium in Paris.

[7] Französische Schnellimbisskette mit 350 Filialen in Frankreich. Bei vielen Obdachlosen, die mehr oder weniger auf der Strasse leben müssen, ist die Quick-Schnellimbisskette sehr beliebt - wegen ihrer gepflegten Toilettenanlagen.  

[8] Najad Vallaud-Belkacem, 1977 in Marokko geboren, 1982 mit ihrer Familie (der Vater war Bauarbeiter) eingewandert, Juristin (Institut d’Études politiques de Paris), ist seit der Regierungsumbildung vom 26. August 2014 Ministerin für nationale Erziehung, höhere Bildung und Forschung. Zuvor war sie Ministerin für Frauenrechte und Regierungssprecherin.

[9] In Frankreich spricht man in diesem Kontext nicht von Analphabeten, sondern von „Illettrés“, also von Ungebildeten. Das sind Personen, die nach der Einschulung in Frankreich ungenügende Fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens aufweisen, um das tägliche Leben autonom zu bestreiten. 7% der erwachsenen Bevölkerung (2,5 Millionen) sollen in diesem Sinne ungebildet sein.

[10] Die Roma-Siedlung von Saint-Ouen soll zwischen 700 bis 1’000 EinwohnerInnen umfassen und diese hätten im Juni 2016 zum dritten Mal  (nach 2008 und 2013) evakuiert und die Baracken zerstört werden sollen. Die Romas werden ohnehin in Kürze dem Projekt „Les Docks“ weichen müssen: geplant sind 4’000 Wohnungen für 10’000 Einwohnerinnen und Einwohner, 12 ha Grünanlagen sowie 10’000 Arbeitsplätze. (saint-ouen.fr)

[11] Die sozialen Unterkünfte - niedergekommene Pensionen und Hotels, besonders auch periphere  und unrentable Ibis-Hotels - beherbergen in der Pariser Grossagglomeration (Île-de-France) gemäss Angaben von ‚Le Parisien‘  2009 420’990 prekäre Haushalte (Obdachlose, Arbeitslose, Flüchtlinge).

[12] Caddy ist die umgangssprachliche Bezeichnung für den Einkaufswagen im Supermarkt.

[13] Vom 7. bis 9. Januar 2015 fand das Attentat der Gebrüder Sérif und Saïd Kouachi auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ in Paris (12 Todesopfer), die Erschiessung eines Gemeindepolizisten von Montrouge durch Amedy Coulibaly sowie durch die Gebrüder Kouachi eine Geiselnahme im Supermarkt „Hyper Cacher“ an der Porte de Vincennes in Paris (vier Todesopfer) statt. Nach einer weiteren Geiselnahme in einer Druckerei in Dammartin-en-Goêle werden die Brüder Kouachi von der Polizei erschossen.

[14] Im Département 93 (Seine-Saint-Denis) gibt es 160 Moscheen und Gebetsräume. In ganz Paris nur 65, während man „in der anderen Richtung“, nämlich im Département 92 (Hauts-de-Seine) lediglich 56 Moscheen und Gebetsräume zählt.

[15] Präsident François Hollande verkündete am 29. März 2013 vor den Präfekten der Regionen und den Direktoren der Zentralverwaltung einen „Schock der Vereinfachung“. Gut drei Monate später gab das zu diesem Zweck eingesetzte Interministerielle Komitee 200 Massnahmen bekannt. Am 22. Juli 2014 erhob die Nationalversammlung den Entwurf „zur Vereinfachung des unternehmerischen Alltags“ zum Gesetz.

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