Was Betroffene wollen

Jörg Eigenmann

Nationale Konferenz gegen Armut

Am 22. November 2016 fand in Biel die Nationale Konferenz gegen Armut statt. 345 Teilnehmerinnen und Teilnehmer liessen sich über den Stand des Nationalen Programms gegen Armut informieren. Auch Armutsbetroffene legten ihre Problemsicht dar.

Das Kongresshaus in Biel verströmt grossstädtische Atmosphäre. Viel Glas und Beton prägen die skulpturale Architektur dieses Kolosses. Erbaut als Wahrzeichen einer dynamischen Wirtschaftsregion, verkörpert es die Aufbruchsstimmung der 60er Jahre. Heute liegt die Uhrenindustrie darnieder und Biel hat die höchste Sozialhilfequote der Schweiz. Ein symbolhafter Ort für eine Armutskonferenz.

Fünfjahresplan gegen Armut

2014 startete das Nationale Programm gegen Armut mit dem Ziel, bis 2018 umfangreiches Wissen zu Armutsprävention und  -bekämpfung zu generieren, innovative Massnahmen zu identifizieren sowie die Vernetzung und Zusammenarbeit der Akteure zu fördern. Die Armutskonferenz vom November bot Anlass für eine Zwischenbilanz: Bislang wurden 13 Studien zu Armut abgeschlossen oder auf den Weg gebracht. Nicht weniger als 26 Projekte im Bereich Bildungschancen wurden mit insgesamt 1,7 Millionen Franken alimentiert. Und: eine Vielzahl an Veranstaltungen gab den Akteuren Gelegenheit, sich zu vernetzen und das erworbene Wissen auszutauschen. Zentrale Erkenntnisse sind: Die Chancengleichheit im Bereich Bildung muss verbessert werden. Soziale und berufliche Integration sind zu fördern und die Lebensbedingungen von armutsbetroffenen Familien und Einzelpersonen zu verbessern.

Armut kann Ihre Gesundheit gefährden

Von besseren Lebensbedingungen kann Heiner (Name geändert) nur träumen. Der 63jährige, ehemalige Marktfahrer ist auf Sozialhilfe angewiesen und lebt in einer Einzimmerwohnung, direkt neben den Bahngeleisen. Heiner lädt schon lange keine Bekannten mehr zu sich ein: das Gekreische der Züge, der feine Metallstaub, der sich in die hintersten Ritzen legt und kaum wieder wegzukriegen ist – das ist keine Umgebung, in der Gastfreundschaft gedeihen kann. Eine bessere Wohnung zu finden, bleibt illusorisch, bei den Mietkosten, die das Sozialamt übernimmt. Heiner leidet unter Schlafstörungen, hat Blutdruckwerte, die dem Arzt Sorgenfalten auf die Stirne treiben und er muss regelmässig Medikamente einnehmen. Er ist überzeugt: «Die Anspannung, mit ganz wenig Geld auszukommen, schlägt auf die Gesundheit!»

An einem Workshop zu Armut und Gesundheit teilt der Arzt Dr. David Winizki diese Einschätzung: «Zur Erhaltung von Gesundheit ist existenzielle Sicherheit wichtiger als Joggen oder Birchermüsli», sagt er. Armut gefährdet die Gesundheit. Dr. phil. Nicole Baumann von der Fachhochschule Nordwestschweiz unterfüttert diesen Befund mit Zahlen: Von den 2,2 Millionen Menschen, die in der Schweiz unter mindestens einer chronischen Krankheit leiden, haben rund 70% eine Ausbildung auf Sekundarstufe II, zum Beispiel eine Berufslehre absolviert. Akademiker machen nur einen Drittel der chronisch kranken Menschen aus. Mit anderen Worten: es gibt einen Zusammenhang zwischen Ausbildung, Einkommen und Gesundheit – der sich in die Aussage fassen lässt: je höher das Bildungsniveau, desto besser ist die Gesundheit. Dass Gesundheitschancen sozial ungleich verteilt sind, ist dem Umstand geschuldet, dass Wissen, Macht, Geld und Status beeinflussen, in welchem Mass jemand Belastungen ausgesetzt ist und inwiefern er oder sie über gesundheitsfördernde Ressourcen verfügt. Beide Faktoren, Belastungen und Ressourcen, haben einen direkten Einfluss auf das Gesundheitsverhalten.

Mit den Menschen reden – nicht über sie

In allen 13 Workshops zum Thema Armut kamen Betroffene zu Wort. Sie forderten etwa, «dass wir ernst genommen, angehört und informiert werden!» Nur so kann ihrer Ansicht nach Teilhabe gelingen. Für die erste Nationale Konferenz gegen Armut, die 2003 stattgefunden hatte, waren keine Armutsbetroffenen eingeladen. An der jüngsten Konferenz hatten sie einen Platz als Redner. Wenn Partizipation ernstgenommen wird, braucht es aber «eine wirkliche Beteiligung auf allen Ebenen bei allen Entscheidungen, politischen Massnahmen und Strategien, die uns betreffen». Ein naheliegendes Bedürfnis. Jede Wirtschaftsorganisation bindet ihre Anspruchsgruppen in die Gesamtstrategie ein. Wann wird bei der Prävention und Bekämpfung von Armut endlich berücksichtigt, was eigentlich selbstverständlich ist?

Zurück


Unterstützen Sie den Mediendienst
Hälfte/Moitié mit einer Spende über PayPal:



Bitte teilen Sie unsere Artikel: